Zu Hause ist es auch schön!

Über Heimweh und Fernweh und 42 Dinge, die ich an zu Hause vermisst habe

Wir Menschen sind schon komische Tierchen. Ist man zu Hause, möchte man weg – ist man weg, sehnt man sich nach zu Hause. Ersteres Gefühl war mein langjähriger Begleiter, letzteres mir dagegen völlig fremd. Bis jetzt. Ich habe mich immer gefragt, wann denn bei mir mal das Heimweh einsetzen würde. Jetzt weiß ich es.

Es war nach circa acht Wochen in Südamerika.

Es war mein Geburtstag, auf den ich mich doch so gefreut hatte.

Mein 30ter.

Mein erster Geburtstag on the road.

Ich hatte es mir doch so schön ausgemalt. In der Atacama Wüste wollte ich feiern. Tagsüber ein Abenteuer erleben und den Abend mit einem Sundowner mit Blick auf die unwirkliche Wüstenlandschaft ausklingen lassen. Soweit jedenfalls der Plan.

Stattdessen endete ich mitten in der Großstadt in Santiago de Chile. Bei schwüler Hitze, Smog und Lärm, die einem noch viel unerträglicher erscheinen, wenn man gerade mehrere Wochen durch die Weiten Patagoniens gereist ist. Aus Budgetgründen hatten wir uns doch gegen ein Einzelzimmer entschieden und endeten im 8-Bett-Zimmer eines okayen Hostels. Schlimmer geht immer, aber schöner auch.

Ja, die Bedingungen waren nicht optimal, aber ich war gewillt, das beste daraus zu machen. Da es unser einziger ganzer Tag in Santiago werden würde, haben wir uns für eine Santiago Offbeat Tour entschieden, die uns auf fünf Märkte und den städtischen Friedhof führte – ein ungewöhnlicher Blick auf die Stadt und daher voll nach meinem Geschmack. Nun ist es ja aber nicht so, dass viertstündige Stadtspaziergänge nicht schon anstrengend genug wären. Nein, wir wollten auch noch ein bisschen Shoppen gehen, ein paar Speisen auf den Märkten probieren, an denen wir vorbeigekommen waren und eine neue Festplatte musste ich auch noch besorgen, da meine interne durch die vielen Fotoberge aus Patagonien in die Knie gegangen war.

Du kannst dir sicher vorstellen, wie dieser Tag geendet hat: Ich fand mich schließlich völlig fertig vom Großstadttrubel in meinem Hostelbett wieder (auch noch auf dem oberen Stockbett) und las mich durch meine Geburtstagsnachrichten. Und dann kamen die Tränen. Ein nicht mehr enden wollender Fluss. Ich vermisste meinen Freund, meine Familie, meine Freunde, ja sogar meine Kollegen. Ich stellte mir vor, wie sie alle so weit weg von mir diesen Tag verbringen und alle glauben, wie gut ich es doch an meinem Geburtstag habe. Ja das habe ich auch. Die Reise war ein großer Traum von mir  – doch das alles zählte in diesem Moment nicht.

Von diesem Tag an klopfte das Heimweg immer regelmäßiger an meine Tür. Manchmal kam es tagelang nicht vorbei, zum Beispiel als ich in der Atacama ein Abenteuer nach dem anderen erlebte, oder während ich mit dem Jeep über das bolivianische Hochland in die Uyuni-Wüste führ. Manchmal kam es nur kurz, wenn ich gerade in meinem Bett lag und den Tag Revue passieren ließ und mir vorstellte, wie das Leben zu Hause seinen Gang geht. Manchmal wenn es in La Paz tagelang regnete und die Kälte trotz vieler Kleidungsschichten in die Knochen kroch. Oder als mir die Höhe und der Schnee auf dem Lares Trek allen Entdeckergeist ausgesaugt hat. Ja, in diesen Momenten sehnte ich mich nur auf meine Couch, einen Tee in der Hand und den Liebsten an meiner Seite.

Als ich auf dem Flughafen das letzte Mal die Toilette aufsuchte und ganz routinemäßig das Toilettenpapier in den bereitgestellten Eimer entsorgte, machte ich mir Gedanken, auf was ich mich nach meiner Rückkehr am meisten freue. Immer mehr Dinge ploppten in meinem Gehirn auf und so steigerte sich die Freude auf die Rückkehr ins Unermessliche. Zu Hause angekommen, führte ich die imaginäre Liste fort, die ich mir fortan immer ins Gedächtnis rufen würde, wenn mich mal wieder das Fernweh plagt. Wenn du auch so ein Fernweh-Kandidat bist, speicher dir doch diese Liste in deinem Browser und rufe sie auf, wenn du glaubst dass dich die Sucht nach der Ferne zerreißen wird. Denn eins habe ich auf meiner großen Reise gelernt: zu Hause ist es auch schön – und meistens schöner als wir denken.

42 Dinge, die ich auf Reisen vermisst habe…

… Toilettenpapier in die Toilette werfen zu können – auch wenn ich mich auch jetzt noch regelmäßig bei der Suche nach dem Mülleimer ertappe

… Vollkornbrot

… und guten Käse

… mein eigenes Bett

… gemütliche Couchabende vor dem Fernseher (ja echt!)

… selbstgekochtes Essen

… in keinen Bus steigen zu müssen

… und auch keine Nächte mehr im Bus zu verbringen

… schnelles Internet

… überall mobiles Internet

… Freunde und Familie natürlich

… der Duft des Waldes

… Morgennebel über den Feldern

… über eine Sommerwiese hopsen

… meine Terrasse (die ich allerdings erst nach meiner Rückkehr eingerichtet habe)

… meinen Kleiderschrank

… endlich nicht mehr mit einer (Regen)jacke herumlaufen zu müssen

… selbst zu waschen und dabei nicht ständig Kleidungsstücke zu verlieren

… meine geliebte Eifel

… Wochenenden

… das Schlafzimmer nicht mehr mit mindestens drei Anderen teilen zu müssen

… nicht mehr ständig packen zu müssen

… meinen Koffer (ja, den Rucksack hab ich seit der Reise nicht mehr angerührt)

… mehr Zeit für den Blog zu haben

… die Gelegenheit, das Erlebte richtig verarbeiten zu können

… ein Badezimmer mit Ablagen zur Verfügung zu haben und nicht immer nach einer Aufhängemöglichkeit meines Kulturbeutels suchen zu müssen

… Weizenähren die sich im Wind wiegen

… Teletubby-Bilderbuch-Landschaften

… den Tag mit meinem Müsli im Garten beginnen

… meinen grünen Daumen auszuleben

… Blumen zum Wochenende

… die günstigen Lebensmittelpreise

… die eigene Heimat zu erkunden

Rummel mit Zuckerwatte, Riesenrädern und Co

… Radler im Biergarten

… Rennrad fahren

… generell meine Sportroutine (nein, auf Reisen pack ich das nicht so recht)

… jederzeit meine Familie besuchen zu können, wenn mir danach ist (was sind schon 400 Kilometer)

… im DM einkaufen (endlich wieder günstige Kosmetika!)

… Besuch bekommen

… Grillen

… das Gefühl angekommen zu sein

Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr Dinge kamen mir in den Sinn. Und jetzt gerade, wo mich zum ersten Mal nach meiner Rückkehr ein leichtes Gefühl von Fernweh überkommt, wird es Zeit, diese Liste zu Papier Blog zu bringen und mich daran zu erinnern, was ich an zu Hause habe. Und: die nächste Reise kommt bestimmt.

 Welche Dinge vermisst du auf Reisen? Worauf freust du dich am meisten? Was habe ich noch vergessen?

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13 Kommentare

  • neben freunde und familie steht bei mir auch vollkornbrot ganz oben auf der liste – und ich weiß es richtig zu schätzen, dass bei uns trinkwasser aus der leitung kommt und man auf die obligatorische „abends noch schnell wasser kaufen“ tour auf reisen verzichten kann ;-) das tolle ist doch, wenn man das schöne aus beiden welten erlebt hat und zu schätzen weiß!

  • Mir ging es in Neapel ein bisschen so. Nach Capri war mir der Trubel da einfach zu viel. Dieser Lärm, diese vielen Menschen, die irgendwie keine Angst vor Nähe haben, diese vielen Autos, die nie bremsen… Und dann dieser Gestank in unserem Bad. Und ständig war mir schlecht. Da habe ich mein zu Hause auch herbei gewünscht, obwohl ich mit meinem Freund unterwegs war. Aber für mich war es auch schon immer schön, wieder nach Hause zu kommen, schon als Kind. Es hat mich immer gewundert, dass es dir nicht so geht… :-)

    Liebste Grüße
    Jessi

  • Wunderschöner Artikel! Auch wenn wir seit Wochen herzzerreißendes Fernweh haben weil wir uns 4,5 Wochen Jahresurlaub bis Mitte August für unsere Norwegentour aufgespart haben… Wir hatten noch nie so recht Heimweh weil wir einfach noch nie so lange weg waren. Und wir wissen auch, dass z.B. Ein digitales Nomadenleben nichts für uns wäre weil wir diese Hammer Vorfreude brauchen, kurz bevor es wieder losgeht und genauso die Freude, die uns überkommt, wenn wir die Haustür aufschließen und in unser sauberes schönes Heim zurückkommen mit all seinen gewohnten Gerüchen und seinem Komfort. Das einzige was wir wirklich vermissen wenn wir nicht mit dem Auto unterwegs sind ist unser Skar! Aber da wissen wir ja, dass er auch Urlaub hat und bemuttert wird während wir weg sind ;) LG Miri mit Andy und Skar

  • Wunderbar! Diese Momente kommen mir bekannt vor. Ich habe viele Geburtstag irgendwo auf Reisen verbracht und gelernt, nicht zu viel zu erwarten ;-)
    Und die Sache mit dem Toilettenpapier ist bei mir nach meiner längeren Reise so drin gewesen, dass ich mehrere Tage zuhause immer wieder den kleinen Eimer… Nun ja ;-) LG, Mad

  • Ein toller Artikel!

    Nach jeder Ankunft gönne ich mir ein Körnerbrötchen mit Wurst oder Käse :-) Dann weiss ich, ich bin wieder daheim!

    Dann genieße ich den Luxus eines eigenen und „richtigen“ Bades. Gemeinschaftsbäder nerven irgendwann auch ein wenig :-)

  • Hey Jana! Klasse Blog :-) Ich war für ein halbes Jahr in Norwegen, und hatte auch meine Höhen und Tiefen mit Heimweh..Genau wie du habe auch eine Terrasse, die ich sehr vermisst habe! Einfach in Ruhe dort zu sitzen, unter meinem Sonnensegel, welche ich mir selbst bei sunliner, konfiguriert habe – die haben echt tolle Möglichkeiten sich vor der Sonne zu schützen – und ein Buch lesen. Nach längeren Reisen lernt man Ruhe erst richtig zu schätzen. Ein guter Tipp von dir, sich eine Liste anzulegen mit Dingen die man im Ausland vermissen würde, denn wie sagt man so schön: Zu Hause ist es doch am schönsten.

  • Hej Jana,

    Deine Kullertränchen kann ich so gut nachfühlen. (Hatte ich auch mal in einer südamerikanischen Megastadt. Die fordern einen aber auch ganz schön heraus als Europäerin, finde ich.)

    Was ich auf Reisen schon nach vier bis fünf Tagen vermisse, sind meine Katzen. Sie sind einer der Hauptgründe, warum ich heute gar nicht mehr auf lange Reisen gehe. Komischerweise fehlt es mir auch kaum – so lange ich schön für Kurztrips sorge :-). Ich brauche immer nur die Aussicht, dass ich bald wieder „rauskomme“; also in die Natur.

    Liebe Grüße,
    Stefanie

  • Oh ich versteh dich so gut. Das gute deutsche Brot und leckerer Käse, es fehlt mir jeden Tag ;) Radler, Apfelschorle und Weinschorle…wo seid ihr? :)

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