Nur in Maastricht: Wo Genuss ein Teil der Lebensphilosophie ist

„Das Leben hier ist genießen – und nicht zu Hause bleiben“. Mir gegenüber sitzt eine ältere Dame mit rotem Mantel, markanter Brille und schwarzen, hochgesteckten Haaren. Ein Lächeln geht über ihr Gesicht, als sie von ihrer Stadt erzählt. „Maastricht ist eine burgundische Stadt. Alles dreht sich hier um Genuss“, sagt sie mit dem typisch sympathischen, holländischen Akzent und nippt an ihrem Kaffee. Wir sitzen an einem Tisch in Form eines Kreuzes in einer Kirche, die heute eine Buchhandlung ist. Mit Café und gratis Wifi. Sowas gibt´s wohl nur in Maastricht.

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Wie Holland nur anders

Man merkt, dass Tanja Olivers Stadtführerin mit Herz und Seele ist und genauso innig liebt sie ihre Heimat Maastricht. „Maastricht ist anders als die Niederlande“, sagt sie geheimnisvoll. Für die Niederländer aus dem Norden sei ein Trip nach Maastricht wie ein Urlaub in einem fremden Land – nur eben im gleichen Land. Ich will es genauer wissen und frage sie, was an Maastricht und seinen Bewohnern denn so anders sei. Tanja sucht nach den richtigen Worten:“Der Maastrichter wartet ab“, sagt sie. Anders als der Niederländer an sich, seien die Mastrichter zurückhaltender und nicht so laut wie man es von den Holländern gemeinhin so kennt. Und tatsächlich: Während sie mit uns spricht ist ihre Stimme ruhig und gelassen. Ganz anders als ich es von meinen Begegnungen mit Niederländern so gewöhnt bin.“Der Ganze Süden ist anders, “ erzählt sie weiter. Maastricht liegt in der Provinz Limburg, ganz im Süden von Holland, in der Nähe der deutschen und belgischen Grenze. „Hier gibt es Berge von 300 Meter Höhe. Für den Niederländer ist das schon was. Kommt ein Holländer mit seinem Fahrrad aus dem Norden nach Maastricht, hat er ganz schön zu pusten“, erzählt sie lachend. Ich stelle mir vor wie sich wohl die Flachländler in den Dolomiten geschlagen hätten.

Kaffee trinken in der Kirche

Während ich über den Unterschied zwischen Maastricht und dem Rest von Holland nachdenke, lasse ich meinen Blick im Raum schweifen. Raum ist untertrieben, denn wir sitzen in einer Kirche. Schon lange wird hier kein Gottesdienst mehr gefeiert, statt dessen beherbergt der riesige Innenraum eine Bücherei, die auch ein Café der Marke Coffeelovers beherbergt. Das Café ist im Altarbereich untergebracht. An den Bistrotischen sowie an einer großen kreuzförmigen Tafel ist fast jeder Platz belegt. Das Konzept scheint aufzugehen.

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Aus Alt mach Neu

Aus alt mach neu – dieses Konzept scheint sich in Maastricht bewährt zu haben. Am liebsten scheinen die Maastrichter ihren Kirchen neue Daseinsberechtigungen zu geben. Ganze 55 Kirchen gab es mal in Maastricht – davon existieren 30 heute noch und in nur 22 davon wird tatsächlich noch Gottesdienst abgehalten. So kann man zum Beispiel – genügend Budget vorausgesetzt –  auch in einer der Kirchen übernachten. Denn sie ist heute in 5 Sterne Hotel.

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Das heutige Theater dagegen ist in einem ehemaligen Kloster untergebracht.

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In den heiligen Hallen des ehemaligen Franziskaner-Klosters dagegen befindet sich heute ein Einkaufszentrum. Kleine Messingtäfelchen, die in den Boden eingelassen sind, erinnern an die Gebete der Mönche und die ursprüngliche Rolle des Gebäudes.

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Französisches Flair

Inzwischen sind Tanja und ich wieder auf der Straße gelandet. Während wir so durch die Gässchen schlendern, zeigt sie mir ein gutes Restaurant nach dem anderen. Wenn ich in allen Essen wollte, müsste ich wohl den Rest des Jahres in Maastricht verbringen. Ich will wissen, was denn die Küche von Maastricht so besonders macht. „Das kulinarische Maastricht ist vor allem französisch geprägt“ erzählt sie mir. Das ist eigentlich kein Wunder, denn schließlich gehörte Maastricht bis ins 19. Jahrhundert zu Frankreich. Aber es gäbe auch typische Speisen, die man nur hier finden würde. Wie zum Beispiel ein Kanninchenentopf mit Pflaumen sowie einen Kartoffeleintopf mit Gemüse, die so nur im südlichen Holland auf den Tisch kommen. Natürlich darf auch für die Niederlande typische Käse nicht fehlen. Und ohne ein dickes Stück Gouda komme ich niemals zurück nach Hause.

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Maastricht besitzt mit der Bisschopsmolen die älteste noch aktive Wassermüle der Niederlande. Das dort gemahlene Korn kann man in verarbeiteter Form auch heute noch vor Ort kaufen. Die gleichnamige Bäckerei bietet ihn ihrem Laden aber nicht nur Brot – sondern auch alles, was zu einer leckeren Brotzeit so dazugehört: Käse, Wein, Aufstriche in allen Formen und Farben sowie Marmeladen.

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So international Maastricht ist, so international ist heute auch seine Küche. Vom türkischen Restaurant bis zum modernen Fusion-Bistro gibt es so ziemlich alles. Besonders nett für eine Lunchpause ist das Café Zontag in der Brugstraat. Hier gibt es belegte Bagel, Sandwiches und Salate – freie Plätze dagegen nur selten. Besonders empfehlen kann ich den hausgemachten Eistee mit Zitrone und Minze.

Im siebten Shopping Himmel

Ich bin nicht zum ersten Mal in Maastricht. Vor etwa drei Jahren war ich bereits schon einmal dort. Statt Fotos und Erinnerungen an die Stadt brachte ich lediglich zahlreiche Tüten nach Hause. Ja, Maastricht ist eine Shopping Stadt – und auch wenn ich normalerweise dem Kaufwahn sehr gut widerstehen kann, komme ich auch diesmal nicht ohne Tüten nach Hause. Aber es sind weder Bershka noch Hollister, die mich wirklich in ihren Bann ziehen, sondern die riesige Auswahl von kleinen Läden, Second Hand Shops und unbekannten Designern die mich wirklich faszinieren. Diese findet man vor allem in den kleinen blumengeschmückten Seitenstraßen zwischen Einkaufsmeile und Maasufer. Auch wenn mir aus Budgetgründen häufig nur der Blick ins Schaufenster bleibt, bin ich immer wieder in den Bann gezogen von so einer wundervollen Auswahl.

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Dieses mal landete ein Paar Schuhe in meinem Einkaufskorb. Unglaublich: Ich kenne keine Stadt in der es auf so geringen Raum eine so hohe Dichte an Schuhläden gibt.

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In der Wolfsstraat begegnet man einer weiteren Besonderheit Maastrichts: dem „De Bóbbel“, einem schwarz getünchten Café, hinter der sich ein gemütlicher Gastraum verbirgt. Hier versammelt sich quasi halb Maastricht für einen Nachmittagsshoppen. Das alleine wäre jetzt allerdings noch nichts besonderes. Wirklich einzigartig sind die vier Liköre, die das Haus in der eigenen Brennerei herstellt. Für jeden Geschmack gibt es den passenden Likör: von Magenbitter, über bittersüßem Orangenlikör und süßem Pfirsichlikör bis zu leicht süßem Gesöff mit Zimt und Karamell.

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Besonders ist auch die Art und Weise des Genusses. Denn das Likörglas wird vor dem Verzehr auf ein kleines Holzpodest gestellt und anschließend bis über den Rand mit der bunten Flüssigkeit gefüllt. Bevor man das Glas zum Mund führen kann, muss der erste Schluck vom stehenden Glas abgeschlürft werden. Die spinnen die Holländer – aber an Ideenreichtum scheint es ihnen nicht zu mangeln.

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Was wäre das Leben nur ohne Karnevall

Ähnlich wie ihre Nachbarn im Westen Deutschlands sind auch die Maastrichter große Karnevallsfans. Schon jetzt bereiten sich die Vereine auf ihren großen Auftritt ab dem 11.11. vor. Ich stehe mit Tanja vor dem Mosae-Forum, einem modernen Einkaufzentrum in der Nähe des Marktplatzes. Das Gebäude ist in einem ehemaligen Fachwerkgebäude (ein weitere Beispiel für „Alt mach Neu“) untergebracht und auf dem Boden die Namen der Karnevalspräsidenten verewigt. Tanja führt mich zu einem der Gravuren auf dem Boden. „Dies ist ein ganz wichtiger Präsident“, erzählt sie verschmitzt. Ich warte neugierig. „Denn dies hier ist mein Sohn“. Die stolze Mutter zückt ein Foto aus der Tasche. Darauf ein Man mittleren Alters mit Karnevalsmütze und vor einem riesigen Regen aus Konfetti. Wie stolz sie doch ist. Kein Wunder, dass sie sich ein Leben ohne den Karneval nur schlecht vorstellen kann.

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Was Maastricht und Frankfurt gemeinsam haben

Tanja fragt mich, wo ich herkomme. Als ich ihr erzähle, dass ich momentan in Frankfurt wohne sagt sie. „Oh Frankfurt ist wie Maastricht.“ Ich frage sie, wieso sie darauf kommt, denn bisher kann ich keine Parallelen feststellen. „Das Wort Maastricht stammt von dem lateinischen Mosae Traiectum ab und bedeutet so viel wie Maasübergang. „Genauso wie Frankfurt Furt der Franken bedeutet“, beende ich ihren Satz. Und genauso wie Frankfurt wird auch die Stadt Maastricht von Brücken verbunden. Ob es wohl auch die typischen Rangeleien zwischen den Bewohnern „Hibb- und Drippdebach“ gibt? Oder ist das nur ein Frankfurter Phänomen?  Während ich über die Brücke zurück zur Bushaltestelle schlendere, verabschiede ich mich von der Stadt, die wie ich Genuss zu ihrer Philosophie erklärt hat. Maastricht, du bist mir sympathisch und dir verzeihe ich auch, dass du nicht einmal an diesem Tag die Sonne hast herausgelassen hast.

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Hinkommen

Maastricht liegt ganz im Südosten der Niederlande, direkt an der Grenze zu Deutschland und in der Nähe der Stadt Aachen. Daher habe ich meine Reise nach Maastricht mit einem Besuch bei meiner lieben Jessi verbunden. Für insgesamt 7 Euro Hin- und Zurück sind wir dann mit dem Bus rüber nach Maastricht gefahren. Der fährt alle viertel Stunde und braucht für die 30 Kilometer etwas über eine Stunde. Von Köln aus ist man beispielsweise in einer guten Stunde Autofahrt dort. Das lohnt sich übrigens besonders an Sonntagen. Denn anders als in Deutschland haben die Geschäfte in Holland auch sonntags geöffnet. Da die Stadt mit ihren gut 100.000 Einwohnern nicht all zu groß ist, eignet sie sich perfekt für einen Tages- beziehungsweise Wochenendausflug. Jedenfalls wenn man nicht gerade aus Dresden kommt…

Ward ihr selbst schon einmal in Maastricht? Habt ihr noch Fragen für euren Trip oder ergänzende Tipps für die schöne Stadt? Dann ab in die Kommentare damit – ich freue mich immer riesig von euch zu lesen!

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Vielen Dank an den VVV Maastricht für die Unterstützung dieser Reise. Meine Eindrücke sind wie immer meine eigenen, lediglich der Schnaps könnte zur Vernebelung meiner Sinne beigetragen haben.

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