Als Rennrad Anfänger in die Dolomiten?! Ein Selbstversuch

Eigentlich würde ich euch jetzt gerne erzählen wie toll doch das Rennradfahren in den Dolomiten ist, wie souverän ich mich die Pässe hochgekämpft habe und damit den Beweis liefern, dass es kein jahrelanges Training bedarf, um in den Dolomiten spektakuläre Rennradtouren zu fahren. In Wirklichkeit aber habe ich total versagt. Ich dachte immer ich könnte meine mangelnde Fahrpraxis mit Grundfitness ausgleichen – aber bei 2.000 Höhenmetern, die bei einer durchschnittlichen Dolomitenroute so überwunden werden müssen, kann ich nur passen.

Wie alles begann

Manchmal frage ich mich, wie wir bloß auf diese Idee kommen konnten. Ich fahre nun schon seit eineinhalb Jahren Rennrad – das allerdings nur am Wochenende und als wir die Reise in die Dolomiten buchten hatte meine bisher längste Rennradtour gerade mal 40 Kilometer mit ein paar lächerlichen (jedenfalls im Nachhinein) Eifelhöhenmetern. In dem noch verbleibenden Monat vor der Reise versuchte ich mich so gut es geht auf die Reise vorzubereiten. Eigentlich machte ich mir um meine Bergaufqualitäten noch am wenigsten Sorgen, denn da konnte mich bisher kein Eifelhügel an meine Grenzen bringen. Ich besorgte mir ein Buch über die schönsten Rennrad Strecken in den Dolomiten und war guter Dinge, den Rennradklassiker „Sella Runde“ schon irgendwie bewältigen zu können. Auch als das Buch für eine solche Tour ein Mindestkilometerpensum von 4.000 auf dem Tacho (ich fürchte das ist sogar pro Jahr gerechnet) empfahl, die übrigens als mittelschwer bis schwer angegeben war, glaubte ich noch immer mit kleinen Gängen und viel Zeit die Pässe schon zu bezwingen. Mit meiner täglichen Fahrt zur Arbeit (auf dem Hollandrad) kam ich zumindest auf 1.000 Kilometer in diesem Jahr. Oh, wie man sich doch überschätzen kann.

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Rennrad für Anfänger in den Dolomiten?

Bevor ihr jetzt aufhört zu lesen, will ich nur kurz eins klarstellen: Die Dolomiten sind wohl mit die spektakulärste Rennradkulisse die man sich vorstellen kann, als trainierter Rennradfahrer kann man dort sicher jede Menge Spaß haben und meine Reise dorthin war trotzdem einmalig. Nur sollte man sich als Anfänger nicht überschätzen und meinen man könne sicher schon ein paar lockere Panoramatouren fahren. Die gibt es nämlich in den Dolomiten nicht. Also fast nicht. Denn eine Tour habe ich gefunden, die den anderen Rennrad(tor)touren in Punkto Schönheit um nichts nachsteht, und die noch dazu mit einem Höhenprofil von knapp 1.000 Höhenmetern und maximal 600 davon am Stück auch als Anfänger mit dem nötigen Durchhaltevermögen gut zu bewältigen ist:

Die Umrundung der Cristallogruppe.

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Tre-Croci-Pass (1809 m)

Ausgangspunkt der Tour ist Cortina d’Ampezzo, ein Ort, de sich selbst gerne als Hauptstadt der Dolomiten bezeichnet. Von hier aus geht es auf der SR48 700 Höhenmeter steil bergauf über Tre-Croci-Pass.

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Nach vier Kilometern erreicht man den Lago Scin, der sich für eine erste kleine Pause anbietet. Ehrlich gesagt haben wir es nicht mal bis dorthin am Stück geschafft.

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Die erste größere Rast aka Regenzwangspause legen wir an der Sesselbahn Rio Gere-Son Forca ein. Hier haben wir bereits acht Kilometer bergauf hinter uns gebracht.

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Zur Belohnung gibts einen Crêpe und eine heiße Schokolade.

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Die wiederkehrende Sonne ist eine Wohltat für unsere nassen Knochen. Glücklicherweise trocknet die Funktionskleidung ziemlich schnell.

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Frisch gestärkt geht es die letzten Kilometer hinauf zum Passo Tre Croci, zu unserer Linken immer die spektakuläre Südwand der Cristallo-Gruppe.

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Und dann ist es geschafft: Wir erreichen die 1.809 Meter hohe Passpitze. Der Name Tre Croci geht übrigens auf drei Kreuze zurück, die an eine Frau mit ihren zwei Kindern erinnern, die im Winter an diesem Pass erfroren ist. Schaurig!

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Ab da geht es erstmal bergab und ich habe endlich Zeit die wundervolle Kulisse richtig zu genießen. Der ein oder andere Wanderer muss schmunzeln über die Rennradfahrerin, die wild mit ihrer Kamera rumfuchtelnd an jeder Milchkanne anhält. Schatz, ich danke dir für dein Verständnis.

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Die Abfahrt bis zur Kreuzung nach Misurina wird begleitet von spektakulären Panoramen und ist einer der schönsten Teile der Strecke. Vor der mächtigen Kulisse der über 3.000 Meter hohen Cristallogruppe fühlt man sich ganz klein.

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Misurina-Pass (1757 m)

An der ersten Straßenkreuzung bei Kilometer 12 ist dann der Spaß vorerst vorbei, den ab dort geht links auf der SS48bis über den Col Sant’Angelo hinauf nach Misurina. Bei Steigungen mit bis zu 13 Prozent muss ich ganz schön kämpfen.

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Glücklicherweise dauert der Anstieg nicht lang – nach knackigen zwei Kilometern erreicht man das Hochplateau.

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Die Straße führt vorbei am Lago di Misurina und damit dem einzigen Punkt auf der Route, der tatsächlich sehr touristisch ist. Ist auch kein Wunder, schließlich ist der See herrlich gelegen und von den Felsmassiven der Drei Zinnen, dem Monte Piana, der Cadini-Gruppe, dem Monte Cristallo und weiter im Süden von Marmarole und Sorapiss umringt. An seinem Westufer liegt die Siedlung Misurina.

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Ab jetzt ist der schlimmste Teil der Tour geschafft und es geht überwiegend bergab. Wer sich unterfordert fühlt kann sich am Ende des Sees an der Drei-Zinnen-Straße versuchen, die acht Kilometer bei maximal 16% Steigung bis zur Rifugio Auronzo auf 2320 Metern führt.

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Cimabanche-Pass (1530 m)

Wir jedoch folgen der SS48bis bis zum Condominio Ploner Villaggio Turistico, einem Hotel, das an der Straßenkreuzung zur SS51 liegt. Wir biegen nach links und fahren an der Nordflanke der Cristallo-Gruppe weiter über den dritten Pass der Runde: den Cimabanche-Pass. Hätte uns nicht ein Schild darauf aufmerksam gemacht, hätten wir das bisschen Steigung garnicht wirklich wargenommen. Unser einziger Feind: die eisige Kälte, denn schon wieder hat uns ein fieser Regenschauer erwischt.

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Doch zum Glück hält sich das schlechtes Wetter in den Alpen nicht lange und wir haben und die Sonne trocknet nun schon zum zweiten Mal unsere klitschnasse Kleidung.

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Bei Kilometer 28 bietet sich mit dem Ristaurante Ospiale noch die Gelegenheit zur Einkehr. Doch die dunklen Wolken am Horizont treiben uns weiter.

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An der Westflanke der Cristallogruppe geht es die letzten 10 Kilometer zurück nach Cortina wirklich nurnoch bergab und die Kilometer fliegen nur so an uns vorbei.

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Der Straßenverlauf führt spektakulär direkt an den Felswänden vorbei. Autos gegegnen uns fast keine.

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Fast geschafft: noch vier Kilometer bis Cortina

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In Cortina angekommen, begrüßen uns schon wieder die Regentropfen. Schnell packen wir unsere Räder ins Auto, dann geht auch schon der Platzregen los. Ich bin unglaublich stolz nach meiner ersten Dolomitentour – hätte ich da gewusst, dass dies auch die letzte bleiben würde…

Wissenswertes

Wer mit dem Rennrad in die Dolomiten fahren möchte braucht jede Menge Training und Erfahrung um die meisten Touren bewältigen zu können. Auch wenn die Länge der Strecken meist zwischen 40 und 60 Kilometer liegt, haben die Höhenmeter es in sich. Das Problem: Solche Höhenmeter sind in unseren Mittelgebirgen kaum zu erreichen, das Training außerhalb des Fitnessstudios gestaltet sich demnach als schwer. Wer sich wie ich ohne 4.000 Kilometer Jahresleistung in die Berge wagt, findet beispielsweise in Südtirol deutlich mehr Touren mit einfacherem Schwierigkeitsgrad. Auch das Allgäu oder das Kitzbühl ist viel einfacherer zu befahren. Wer doch mal Dolomitenluft schnuppern will, findet mit der Cristallo-Umrundung die perfekte Einsteigertour.

Reisen mit dem Rennrad: Wäre das was für euch? Wo sollte ich unbedingt mal hinfahren? Her mit euren Tipps!

 
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