Ein Tag in Tallinn – zwischen Mittelalter, Design und Ostblockcharme

Tallinn begrüßt mich mit unerwartet perfektem Postkartenkitsch, der sich erst offenbart, wenn die tief stehende Abendsonne die herausgeputzte Altstadt in ein goldenes Licht taucht. Einige Fassaden der Kopfstein gepflasterten Straßen liegen bereits im Dunkeln, während andere im warmen Licht der Abendsonne leuchten. Mittelpunkt des mittelalterlichen Altstadtkerns ist der Domberg, auf dem die imposante Alexander-Newski-Kathedrale thront, die mit ihren Zwiebeltürmen darauf aufmerksam macht, dass Russland quasi nur noch einen Katzensprung entfernt ist.

19.00 Uhr Abendspaziergang auf den Domberg

Dass ich an diesem Tag den Hotel-Spa gegen einen Altstadtspaziergang getauscht habe, bereue ich keine Sekunde. Vom Hafen, in dem auch mein Hotel liegt, dauert es rund eine viertel Stunde in die Innenstadt. Eigentlich hatte ich nicht erwartet nach meinem Tag in Helsinki überhaupt noch Sinneseindrücke aufnehmen zu können, doch Tallinn überrascht mich von der ersten Sekunde an. Okay das traumhafte Wetter hat sicherlich auch sein Teil dazu beigetragen. Durch die Gassen  bahne ich mir meinen Weg zum Domberg, der kaum übersehbar über der Altstadt thront, die seit 1997 zum UNESCO Weltkulturerbe gehört. Tagsüber tummeln sich hier die Touristen in Scharen, doch jetzt kommen mir nur noch ein paar vereinzelte Leute entgegen.

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Nachdem ich mich von der eindrucksvollen Ausstrahlung der Alexander-Newski-Kathedrale erholt habe, suche ich nach einem perfekten Aussichtspunkt, um den herannahenden Sonnenuntergang zu beobachten. Davon gibt es auf dem Domberg mehr als genug. Ich habe meine Rechnung leider ohne den Wirt gemacht. Denn was ich mal wieder völlig unterschätze, ist der späte Sonnenuntergang. Schon im April geht in Estland die Sonne erst nach 21 Uhr unter – und so langsam machte mich mein knurrender Magen darauf aufmerksam, mir doch eine Location für das Abendessen zu suchen. Also lasse ich meinen Blick noch ein letztes Mal über die roten Dächer der Stadt schweifen und mache mich auf den Weg zurück in die Altstadt. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag.

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Wie gerne würde ich euch jetzt ein wunderbares Restaurant für ein Abendessen in Tallinn empfehlen. Und ich war so kurz davor, die vielleicht besten Burger der Stadt zu probieren. Doch leider wollten die wohl an diesem Tag schon ziemlich viele vor mir essen. Denn als ich den Laden betrete, sind die Burger bereits allle. Ausverkauft. Vergriffen. Ich versuche mir die Enttäuschung nicht anmerken zu lassen (was mir sicher eher schlecht als recht gelingt) und lande schließlich an genau dem Ort, an den mich auf Reisen sonst keine zehn Pferde hineinbekommen: MC Donalds. Ja, ich schäme mich im Nachhinein. Aber kennt ihr das, wenn ihr einfach so kaputt und hungrig seid, dass plötzlich alles andere egal ist? Genauso ging es mir an diesem Tag.

21:00 Uhr Sonnenuntergang an der Linnahall

Als ich die Fastfoodkette wieder verlasse, leuchtet der Himmel rot im Licht der untergehenden Sonne. Für einen kurzen Moment überlege ich noch einmal hinauf auf den Domberg zu steigen um den Sonnenuntergang zu erleben, doch die Müdigkeit siegt und ich mache mich auf den Rückweg ins Hotel. Mehr durch Zufall entdecke ich unweit vom Hafen die stillgelegte Mehrfunktionshalle Linnahall, die im Rahmen der Segelwettbewerbe der Olympiade im Jahr 1980 erbaut wurde. Heute streiten sich die Estländer über den Erhalt des gigantischen Architekturprojektes. All das wusste ich natürlich an diesem Tag noch nicht. Ebenso wenig, dass sein Dach bei den Einheimischen ein beliebter Sonnenuntergangsspot ist – und das deutlich authentischer und untouristischer als der Domberg. Nagut, als ich oben ankomme, merke ich das schon, denn überall auf den Mauern sitzen die Estländer in Grüppchen und genießen ihren Feierabenddrink. Ein bisschen erinnert mich die Atmosphäre dort an den Mauerpark in Berlin. Und ich mittendrin.

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10:00 Uhr Der nächste Morgen: Die Altstadt bei Tag

Ein bisschen lustlos streife ich am nächsten Morgen durch die Straßen der Altstadt, die mich noch am Abend zuvor total in ihren Bann gezogen haben. Irgendwie ist es mir plötzlich alles zu perfekt, zu herausgeputzt. Schon Morgens stehen die mittelalterlich zurechtgemachten Mädchen vor den Lokalen und buhlen um Kundschaft. Klar, der Marktplatz ist wunderschön und auch die Altstadt ist bei Tag genauso zauberhaft – nur irgendwie fehlt mir das echte, das wahre Tallinn.

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12:00 Uhr Shopping, Design und Ostblockcharme

Dieser anderen Seite möchte ich auf den Grund gehen. Denn Tallinn ist nicht nur für seine „pittoreske Altstadt“ bekannt. Die Stadt mausert sich langsam zur Design-Hauptstadt des Baltikums. Tolle Galerien, lokale Designer und spannende Architektur sind auf einer Design-Karte verzeichnet, die man sich kostenlos im Touristbüro besorgen kann. Mit dem Ziel noch eine andere Seite von Tallinn zu entdecken, mache ich mich auf den Weg zum Baltika Kvartal, dem sogenannten baltischen Viertel, einer Art Zusammenschluss von ausschließlich lokalen Designern. Bereits auf dem Weg dorthin lerne ich die dritte Seite der Stadt kennen: nämlich ihre düstere Ostblockvergangenheit. Kaum verlässt man die Stadtmauern, lächelt einem der Ostblockcharme entgegen. Graue und eintönige Häuserfassaden reihen sich bis zum Horizont aneinander. Zahlreiche Baustellen lassen auf die Zukunft hoffen.

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Mit einem Mitbringsel an mich selbst in Form eines echt estonischen T-Shirts mache ich mich auf den Weg eine weitere Design-Location ausfindig zu machen, die auch mit spitzen Berwertungen bei Forsquare und Co auf sich aufmerksam macht: Das SfääR

13:00 Uhr Das coolste Restaurant der Stadt

Das SfääR kann man sicherlich unangefochten als coolstes Restaurant der Stadt bezeichnen. Das skandinavisch-modern angehauchte kulinarische Konzept steht im totalen Gegensatz zu den sonst eher mittelalterlich-bodenständigen Lokalen in den Altstadt. Das SfääR beherbergt außerdem noch einen Shop in dem es ausgewählte, klassisch-moderne Teile zu bewundern (und natürlich kaufen) gibt. Tolles Konzept, tolles Design, tolle Location – und das Essen sucht wirklich seinesgleichen.

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14:00 Uhr Industrie meets Architektur: Das Rotermann-Viertel

Weiter auf Design eingestellt, besuche ich im Anschluss das Rotermann-Viertel. Hier vereint sich alte Industriekultur mit moderner Architektur. Das Viertel ist wie eine eigene Stadt in der Stadt mit Cafés, Shops und Designerläden, die so garnicht zu dem Rest der Stadt passen will. Und irgendwie doch. Mich weiß diese Seite von Tallinn an diesem Tag jedenfalls mehr zu begeistern als alle touristischen Sehenswürdigkeiten der Altstadt.

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15:00 Museum of Applied Art and Design

Schließlich führt mich mein Weg doch zurück in die Altstadt, denn auch hier gibt es zahlreiche Design-Hotspots zu entdecken – wie zum Beispiel das Museum für angewandte Kunst und Design, was sich mit der Gestaltung von Gebrauchsgegenständen wie Porzellan, Elektrogeräten, Möbeln und Ähnlichem beschäftigt. Eine Zeitausstellung beschäftigt sich einzig und alleine mit moderner Schmuckkunst.

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16:00 Kaffeezeit

Zum Abschluss meines „Design-Rundganges“ genehmige ich mir Kaffee und Kuchen im ältesten Café der Stadt: dem Maiasmokk, das sich unweit des Museums befindet. Alleine schon die Einrichtung des Cafés ist sehenswert – weshalb sich selbiges auch auf der Design Map einen Platz verdient hat. Goldene Fliesen zieren Wände und Decke und es fühlt sich ein bisschen so an als würde man auf eine kleine Zeitreise gehen. Muss ich erwähnen, dass die Kuchen einfach himmlisch sind?

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17:00 Bye bye Tallinn

Schließlich wird es für mich Zeit Abschied zu nehmen von Tallinn, einer Stadt für deren Vielschichtigkeit man sich einige Tage Zeit nehmen sollte. Nach Stockholm und Helsinki war die Stadt sicherlich die unbekannteste und dadurch spannendste Erfahrung meiner kleinen Ostseereise. Für mich war der Besuch in Tallinn nur ein kleiner Einblick in die Welt des Baltikums, auf deren Spuren ich mich gerne einmal genauer begeben würde. Tallinn, ich komme wieder – ganz bestimmt!

Und wenn euch interessiert, ob sich ein Besuch auch im Winter lohnt, dann schaut auch mal bei der lieben Travelita vorbei, welche Tallinn – ähnlich wie ich auch – im Rahmen eines Tagesausflugs von Helsinki aus besucht hat.

Wie gefällt euch Tallinn? Ward ihr schon mal in Baltikum?

Vielen Dank an die Tallink Silja, die mich auf dieses Ostseeabenteuer eingeladen haben.

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