Leider geschlossen! – Polens Nordosten im Winterschlaf

„Leider geschlossen!“ Ich weiß nicht wie oft wir diese Antwort auf unserer Reise durch Polens Norden bekommen haben. Meistens nach einer Frage zu Museen, Kirchtürmen oder wie in diesem Fall am Fuße des Glockenturms des Fromborger Doms, der „ein grandioser Blick über das Haff und bei guter Sicht sogar bis ins 70 Kilometer entfernte Kaliningrad verspricht“. Für wen sollten sie denn auch geöffnet haben? Schon seit Tagen sind wir keinem einzigen Touristen begegnet. Es scheint als verfalle die Gegend noch bis weit in den April in einen tiefen Winterschlaf.

Fromborg – von muffigen Hotels und geschlossenen Türmen

Die Route von Fromborg bis tief hinein in die Masuren ist mir als düsterster und tristester Teil unserer Reise in Erinnerung geblieben. Wie oft standen wir vor verschlossenen Türen, zugefrorenen Seen oder riesigen Baustellen – wie oft fühlen wir uns wie eine Art Fremdkörper in einer feindlichen Umgebung. Und irgendwie sind es doch gerade diese Erinnerungen, die sich ganz besonders in mein Gedächtnis gebrannt haben. Wie oft wünschen wir uns das Reisen abseits der plattgetretenen Pfade und sind dann enttäuscht und überrascht, wenn einem die Wirklichkeit keine vorgekauten Highlights präsentiert. Im Nachhinein glaube ich hätte man Polens Nordosten nicht authentischer erleben können. Die Winter hier sind lang, die Winter hier sind hart und alle Bewohner sehnen sich nach den langen Sommertagen, die Touristen und Leben in das „Seenparadies“ bringen.

Und jetzt stehen wir mal wieder vor verschlossenen Türen und ziehen enttäuscht weiter. Je weiter man in Polen nach Osten reist, desto einfacher und schlichter werden die Unterkünfte. An diesem Morgen sind wir in einem Hotel aufgewacht, in dem wir mal wieder die einzigen Gäste waren. Die rosa-karierten, samtigen Betthussen haben schon eine längere Zeit keine Wäsche mehr gesehen und der Geruch von Muff hängt schwer in der Luft. Einzig und alleine die Sonne, die strahlend vom Himmel scheint und die eisige Luft zumindest ein bisschen erträglicher macht, stimmt positiv für den Tag. Nach dem Reinfall mit der Kathedrale können wir es kaum erwarten weiterzuziehen.

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Elblag – das neue Danzig?

Unser Weg führt uns nach Elblag, einem kleinen verschlafenen Städtchen, dass nach seinem großen Wiederaufbau in den 80ger Jahren noch vom großen Tourismusruhm träumt. Optimisten sprechen schon von einer zweiten Hansestadt nach Danzig. Denn der Ort ist über einen Kanal mit dem offenen Meer verbunden, auf dem in der Hochsaison die Ausflugsschiffe zum frischen Haff fahren. Doch während Danzig selbst im Winter lebhaft daherkommt, scheint Elblag von seinem großen Ruhm noch zu träumen. Natürlich fahren im April noch keine Ausflugsboote, Touristen gibt es auch keine und die ganze Stadt scheint wie ausgestorben…wiedereinmal! Doch plötzlich erwacht der Kirchplatz zum Leben. Teenager in kirchlichen Gewändern haben sich aus dem Gottesdienst geschlichen und verstecken sich rauchend in einer der Häuserecken. Nur wenige Minuten später strömen die Menschenmassen auf den Vorplatz. Kein Wunder, dass die Straßen so leergefeht waren: Es ist Karfreitag und jeder anständige Pole besucht natürlich den morgendlichen Gottesdienst.

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Weiter nach Osten: Ostróda

Je weiter man nach Osten kommt, desto mehr verdient Polen den Titel „Land der 1.000 Seen“. Im Winter bedeutet dass eher „Land der 1.000 weißen Flächen hinter denen sich ein See verbergen könnte“. Fährt man von Elblag entlang des Oberländischen Kanals nach Südosten kann man von der Straße aus nicht erkennen, ob es sich bei dem weißen „Feld“ um einen Acker oder einen See handelt. Selbst der längste See der Region, der Jeziorak-See ist komplett zugefroren. Wir legen einen kurzen Zwischenstopp in Ostróda ein, einer Kleinstadt direkt am Dreweckie-See. Eine kleine Lücke in der Eisdecke wird von eifrigen Enten und Schwänen genutzt, die von den vorbeispazierenden Passanten gefüttert werden. Die zahlreichen hübschen, restaurierten Kirchen für die der Ort bekannt ist, sind leider auf Grund von Ostervorbereitungen – genau – geschlossen. Wir verweilen nur kurz – denn was bleibt uns bei geschlossenen Kirchen, Restaurants und Shops bei der eisigen Kälte auch anderes übrig.

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Angekommen in der Provinzhauptstadt Olsztyn

Unser Tagesziel ist die Stadt Olsztyn, die Provinzhauptstadt der Region Ermland-Masuren und im Vergleich zu den vorherigen Orten geradezu quirlig. Hier finden wir nun auch endlich ein geöffnetes Restaurant, das unsere knurrenden Mägen mit authentischer polnischer Hausmannskost füllt und ein nettes Café für einen leckeren Nachtisch. Die Altstadt ist weitgehend verkehrsberuhigt und so klein, dass man nach kurzer Zeit auch schon wieder draußen ist. In der ehemaligen Ordensstadt dominiert die für Polen bekannte Backsteingotihik und aus unserem Hotelfenster können wir die roten Türme der Ordensburg sehen, die heute das Museum für das Ermland und die Masuren beherbergt, das heute – genau – geschlossen ist. Das Wetter beginnt umzuschlagen und der einst blaue Himmer zeigt sich nun grau und wolkenverhangen.

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Mikolajki – das masurische Venedig

Auch am nächsten Morgen versperren dichte Wolken den Blick auf die Sonne und vereinzelte Schneeflocken fallen tanzend zu Boden. Unsere Reise führt uns weiter nach Osten tiefer in die Masuren hinein. Eigentlich hätte die masurische Seenplatte eines meiner Highlight unseres Roadtrips sein sollen, aber in Anbetracht der zugefrorenen Seen musste ich leider alle Wander- und Bootstourpläne im wahrsten Sinne des Wortes „auf Eis legen“. Statt dessen besuchen wir das Städtchen Mikolajki, das direkt am masurischen Meer gelegen ist und mit seinen Brücken gerne auch als das „masurische Venedig“ bezeichnet wird. Auch hier sind wir mal wieder die einzigen, die an der verschneiten Uferpromenade entlangspazieren und in die Schaufenster der geschlossenen Geschäfte und Restaurants gucken.

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Wir fahren noch ein Stück weiter um am Snirdawy-See vielleicht doch eine schöne Kulisse für eine Winterwanderung zu finden. Doch soweit das Auge reicht, sieht man nichts als Schnee, der sich kaum von dem grauen Himmel abhebt. Wieder einmal fühlen wir uns wie ein Fremdkörper in dieser „feindlichen Umgebung“. Wenigstens haben wir Glück und begegnen auf unserem Rückweg einen Storch, der hoch oben auf seinem Horst auch auf bessere Zeiten zu warten scheint.

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Eigentlich wollte ich euch im Anschluss an diesen Artikel raten, bloß nicht Ende März beziehungsweise Anfang April in die Masuren zu reisen und das schon gar nicht über Ostern, wenn in ganz Polen religiöser Ausnahmezustand herrscht. Aber irgendwie war es doch eine spannende Erfahrung, die Region mal im tiefen Winterschlaf zu erleben und weit und breit die einzigen Touristen zu sein. Aber um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, musste auch fast ein Jahr ins Land ziehen…

Habt ihr schon einmal auf Reisen erlebt, dass alles geschlossen war und ein Land quasi im tiefen Winterschlaf verharrt?

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6 Kommentare

  • Oh, irgendwie klangen deine Posts aus dem letzten Jahr über Polen positiver… Ihr scheint also das beste draus gemacht zu haben! :-) Sieht aber trotzdem ganz nett aus, was du uns da zeigst.

    Beste Grüße
    Jessi

  • Ich habe das mal bei einem Tagesausflug in Spanien erlebt. Ich bin von Sevilla aus nach Alcalá de Guadaíra gefahren, um mir ein kleines andalusisches Städtchen anzuschauen. Ich weiß bis heute nicht, warum ALLES geschlossen hatte und man kaum einen Menschen traf. Eine offene Tapasbar haben wir schließlich gefunden, in der nur alte Männer saßen. Wir sind natürlich sehr aufgefallen als Fremde und wurden direkt angesprochen, wo wir denn herkämen. Danach wollten sie mit mir über Angela Merkel sprechen.. :D
    Aber es war wirklich ein sehr, sehr authentischer Eindruck, das ist mir auch in Erinnerung geblieben…

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