Siglufjörður – Ein Tag in der nördlichsten Stadt Islands

Neongelb leuchtet die Hose des Fischers, der gerade seinen frischen Fang im Hafen sortiert. Sei Gesicht leuchtet rot von der anstrengenden Arbeit, doch er lächelt freundlich, als ich im begegne. In den grauen Kisten zappeln die Fische und füllen die Luft mit einem salzig-fischigen Geruch. Um mich herum schwimmen die Schiffe im seichten Wasser des Hafens vor einer atemberaubenden schneebedeckten Bergkulisse. Das ist also Siglufjörður, die nördlichste Stadt Islands. Rund 40 Kilometer trennen uns hier noch vom Polarkreis.

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Wenn die Berge drum herum nicht so hoch wären, würde die Sonne hier im Sommer fast bis Mitternacht scheinen. Aber auch so ist Dunkelheit in den wenigen Sommermonaten ein Fremdwort. Umso mehr gibt es davon im Winter, wo es die Sonne kaum schafft die Stadt zu erhellen. Kein Wunder, dass der Fischer so zufrieden wirkt und die Kinder bis spät in die Nacht auf den Bolzplätzen spielen oder die Straßen mit dem Fahrrad unsicher machen. Sie alle wissen, dass die Freude des Lichts nur ein paar Wochen anhält.

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Nur ein paar andere Touristen verirren sich in die Hafenstadt, deren Besuch einen Umweg von der Ringstraße bedeutet. Ein paar schlendern wie wir durch den Hafen, die anderen machen es sich in einem der drei Restaurants gemütlich. Ich weiß nicht, was genau mich so an diesem Ort fasziniert. Es gibt weder einen Postkartenhafen noch wirklich etwas zu sehen. Mit Ausnahme des Heringmuseums – dem kulturellen Hotspot der Stadt. Das hat jedoch schon längst geschlossen.

Im Hafen liegen keine aufgehübschten Segelschiffe oder Touristenausflugsbote. Das kulinarische Angebot beschränkt sich auf zwei Fischrestaurants im Hafen und einen Pub, der ein paar Kleinigkeiten serviert. Es sind noch nicht einmal viele Menschen auf den Straßen. Und trotzdem hat der Ort etwas an sich, das mich verzaubert. Und wenn ich mir einen Ort aussuchen dürfte, in den ich in Island sofort zurückkehren möchte, dann wäre es ganz klar Siglufjörður.

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Es fühlt sich an als würde die Zeit still stehen. Selbst das Wasser im Hafen wirkt wie eingefroren und lässt Berge und Boote in sich spiegeln. Ziellos spazieren wir durch die Straßen, vorbei an der Kirche und durch Wohngebiete. In den kleinen Vorgärten blühen die Blumen und hier und da blitzen weiße Wollgrasfelder durch die Tristess der Hafenstadt, die so irgendwie gar nicht trist ist.

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Ein knallrotes Haus weckt meine Aufmerksamkeit. Seine Rückseite ist über und über mit Blumen bewachsen. Hinter dem Dach ragen die hohen schneebedeckten Berge hervor, welche die Stadt im Winter zu einem beliebten Skigebiet machen. Man sagt, sie sei das Sankt Moritz von Island.

Ein bisschen muss ich lachen bei der Vorstellung, dass man sich in einer Reihe mit dem mondänen Skiort in der Schweiz sieht. Ich stelle mir vor, wie Skifahrer und Snowboarder die Stadt erobern und mit Bussen zu den Liftstationen gebracht werden. Ob das wirklich so ist? Bisher kenne ich nur Wintersportorte in den Alpen. Ich nehme mir vor, eines Tages im Winter zurück zu kommen.

Das knallrote Haus entpuppt sich als Teil das geschlossene Heringsmuseums. Wir werfen einen Blick hinein, können aber nicht viel erkennen.

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Immer wieder schaffen es vereinzelte Sonnenstrahlen über die Bergspitzen und tauchen die Silhouette der Stadt in ein goldenes Licht. Als wir unsere Unterkunft wieder erreichen, bricht die Wolkendecke schließlich auf und gibt die Sicht auf den blauen Himmel frei. Ein seltener Anblick in Island, den wir schon seit drei Tagen nicht erlebt haben.

Eurphorisiert entscheiden wir uns für eine kleine abendliche Spritztour durch die atemberaubende Fjordlandschaft von der Siglufjörður umgeben ist. Was mit bedecktem Himmel schon toll aussah, lässt bei Sonnenschein mein Herz fast stillstehen. Blau leuchtet der Ozean, grün die Wiesen, grau die Berge mit ihren wie in Zuckerguss getauchten weißen Spitzen.

Siglufjörður liegt eingekeilt zwischen zwei Bergen und ist von beiden Seiten aus nur jeweils durch einen Tunnel zu erreichen. Ohne sie wäre die Stadt nur per Boot oder Flugzeug ansteuerbar. Andere Ortschaften gibt es weit uns breit keine. Nur ein paar Schafe grasen auf den Wiesen neben der Straße.

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Als wir die Stadt wieder erreichen ist es fast Neun. Für Isländische Verhältnisse fast zu spät für ein Abendessen. Doch im Pub der Stadt sitzen zwei Mädels beim Essen und die Besitzerin willigt ein auch uns noch ein paar Burger zu machen. Sie schmecken köstlich. Burger können sie, die Isländer. Die Mädels verlassen den Pub und kurz darauf betreten zwei Teenager den Raum. Als sie plötzlich ungeniert anfangen zu Rülpsen, lassen wir die Besitzerin mit ihnen alleine und machen uns auf den Rückweg zu unserem Hotel, dass keine fünf Minuten entfernt liegt.

In Siglufjörður sind die Wege kurz. Der Himmel leuchtet immer noch hell, auch noch dann, als es längst Zeit zu schlafen ist und auch, als unser Wecker uns unsanft um 6 Uhr morgens aus dem Schlaf holt. Nur widerwillig verlasse ich diesen magischen Ort, der im strahlenden Licht der Morgensonne noch viel magischer aussieht.

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Siglufjörður – Infos und Tipps

Hinkommen: Die 1277 Einwohner starke Stadt liegt ganz im Norden Islands, in der Gemeinde Fjallabyggð beziehungsweise der Region Norðurland eystra. Man erreicht sie entweder per Bus von Akureyri aus oder mit eigenem Wagen über die Straße 76.

Unterkommen: Wir haben im Siglunes Guesthouse in der Nähe vom Hafen übernachtet. Für 93 Euro haben wir dort die schönste Unterkunft unserer gesamten Islandreise gehabt. Die Zimmer sind fast Designhotel-mäßig modern eingerichtet mit ein paar antiken Highlights. Und ein Upgrade auf ein eignes Bad haben wir auch bekommen!

Essen: Allinn Grill: Burger und anderes Fastfood, Hannes Boy: Fischlokal im Hafen – haben wir aber nicht ausprobiert.

Sehenswertes: Man kann im Ort alles prima zu Fuß erreichen. Neben dem Heringsmuseum gibt es nicht wirklich viel touristisches zu sehen – ich finde das ist auch gut so!

Hättet ihr euch die nördlichste Stadt Island so vorgestellt? Könntet ihr euch vorstellen, mal dorthin zu reisen?

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