Islands Westen: Die Halbinsel Snæfellsnes verloren im Nebel

Wisch-Wasch. Wisch-Wasch. Die Scheibenwischerblätter unseres Nissan Micras wischen so hektisch von rechts nach links, dass sie das ganze Auto aus dem Gleichgewicht zu bringen scheinen. Es regnet in Island. Nein es schüttet vielmehr aus Eimern, seit wir am Morgen zum ersten Mal aus dem Fenster schauten. Jetzt verstehe ich auch warum man sagt: Das Isländische Wetter ändert sich minütlich. Während das Auto im Takt der Scheibenwischer schaukelt, sind wir fast alleine auf der Straße 54 unterwegs, die uns auf die Halbinsel Snæfellsnes führt.

Von Borganes auf die Halbinsel Snæfellsnes

So schnell es geht rennen wir durch den strömenden Regen zum Auto, schmeißen die Rucksäcke auf die Rückbank und atmen erst einmal tief durch.  Kurz überlegen wir auf direktem Wege zur nächsten Unterkunft zu fahren, vertrauen dann aber auf die Unbeständigkeit des isländischen Wetters, das sich ja ebenso schnell auch wieder in die andere Richtung verändern kann und setzen unsere Reise nach Norden mit einem Abstecher auf die Halbinsel Snæfellsnes fort. Dass Dauerregen und Nebel den ganzen Tag anhalten sollten, konnten wir zu dem Zeitpunkt nicht ahnen – und vielleicht war es auch ganz gut so, denn schließlich passieren die schönsten Dinge ja bekanntlich dann, wenn man sie am wenigsten erwartet. Aber mal von Anfang an.

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Während wir einsam und alleine auf der Straße nach Westen fahren, können wir durch den Nebel am Horizont nur die Umrisse der Bergketten erspähen. Rechts und links reichen die grünen Wiesen bis zum Horizont uns der Nebel die Sicht versperrt. Statt dem schönen Wetter hinterherzutrauern, beschließen wir das beste daraus zu machen. Und wie geht das besser, als sich bei einem entspannten Bad im Hotpot aufzuwärmen, während einem der kühle Regen auf den Kopf fällt.

Baden im Landbrotalaug

Nach etwa einer Stunde Fahrt erreichen wir den Landbrotalaug über einen Abzweig der Straße 54 (rechts, kurz nachdem die 55 abzweigt). Die Straße ist nicht geteert und auch nicht ausgeschildert, aber laut Koordinaten auf Google Maps kann sich die heiße Quelle nur hinter dieser Abzweigung verbergen. Als wir auf einem Parkplatz ein einsames Auto erspähen und kurze Zeit später zwei halbnackte Menschen durch die Pampa streifen sehen, wissen wir: Hier sind wir richtig. Wir überqueren einen kleinen Bach überqueren und folgen dem Dampf bis zum im warsten Sinne des Wortes heißersehnten Bad.

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Auf zum Gletscher Snæfellsjökull

Nur widerwillig verlassen wir das warme Wasser und machen uns auf den Rückweg zum Auto: denn unsr Tageziel liegt noch rund 400 Kilometer entfernt und wir haben noch nicht mal 50 geschafft. Ich bin ja normaler Weise tatsächlich ein wetterfühliger Mensch – doch in Island habe ich, vor allem an diesem Tag auf Snæfellsnes feststellen müssen, dass auch vermeindlich schlechtes Wetter seinen Reiz hat. Tief winden sich die Nebelschwaden an den Berghängen entlang und Gehöfte sind wie von einem grauen Schleier bedeckt. Wir genießen diese spezielle fast mystische Stimmung während wir unsere Fahrt nach Westen fortsetzen und freuen uns, bei diesem Mistwetter wenigstens im Trockenen zu sein.

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Auf etwa halber Höhe der Halbinsel sehen wir plötzlich zwei Gestalten am Straßenrand stehen. Als wir näher kommen sehen wir, dass es sich um zwei Mädels handelt, die fröstelnd auf eine Mitfahrgelegenheit warten. Ohne viel nachzudenken ob wir mit unserem ganzen Krempel überhaupt genug Platz für zwei weitere Mitfahrer haben, halten wir an.

Nach einer großen Umräumaktion finden die beiden Amerikanerinnen auf der Rückbank zwischen unseren Rucksäcken Platz. Sie haben das gleiche Ziel wie wir: nämlich die Halbinsel zu umrunden und vor allem einen Blick auf den Gletscher zu erhaschen, der an der Spitze auf uns wartet. Gemeinsam setzen wir unsere Fahrt fort und genießen die unberührte Landschaft die nur ab und zu von ein paar Häusern und Gehöften unterbrochen wird. Zu unserer Rechten türmen sich gewaltige Berge auf, während auf der linken Seite immer mal wieder der Ozean durchblitzt.

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Erst als wir auf die Küste zufahren merken wir, dass irgendetwas mit der Route nicht stimmen kann. Denn anstatt die Halbinsel zu umrunden, sind wir auf der Hauptstaße geblieben und haben die Abkürzung über die Berge genommen. Da wir uns so von unserem Ziel, dem Nationalpark, entfernt haben, beschließen wir die abgekürzte Strecke in einer Schleife nachzuholen. Und wieder Wandern ein paar Kilometer auf das Tageskonto.

Der Nationalpark Snæfellsjökull oder auch: Ein Polarfuchs, ein Polarfuchs

Wir passieren den kleinen Ort Olafsvik bevor sich die Straße in die Berge des Nationalparks hinauf windet. Je höher wir kommen, desto dichter wird der Nebel und schnell geben wir die Hoffnung auf ein paar Blicke auf den Gletscher werfen zu können. Etwas enttäuscht verlassen wir den Nationalpark als plötzlich ein Tier vor uns über die Straße huscht. Was wir erst für einen Marder halten entpuppt sich als kleiner Polarfuchs, der nun verängstigt und wie versteinert hinter uns am Straßenrand sitzen bleibt. Nach einem eiligen Wendemanöver blicken wir dem kleinen Kerl Auge in Auge entgegen. Er sieht ein wenig zerrupft aus, weil er sich gerade im Wechsel vom Winter- zum Sommerfell befindet. Und so hängen auf seinem braunen Sommerfell überall noch Büschel des weißen, dicken Winterfells, die er nach und nach verliert. Plötzlich ist der fehlende Gletscherblick nur noch zur Nebensache geworden.

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Nächster Halt: Arnastrapi

Der Tag ist für mich gerettet und auch meine Mitreisenden sind glücklich über die unerwartete Tiersichtung. Der Umweg hat uns einiges an Zeit gekostet und es ist bereits Nachmittag, als wir in Arnastrapi, einem kleinen Fischerort im Südwesten der Halbinsel ankommen. Der Hafen des Dorfes wird von grünen Felsformationen umrahmt, auf denen zahlreiche Vögel nisten. Trotz oder gerade wegen des Regens leuchten die Wiesen in einem satten Grün vor dem dunklen Grau des Himmels. Eine Essenslocation finden wir allerdings dort nicht – bekommen aber den Tipp, dass es im Nachbarort Hellnar ein kleines Café geben soll, das kleine Speisen anbietet.

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Café mit Ausblick

Also wieder rein ins Auto und ab nach Hellnar. Wir folgen dem Straßenabzweig bis wir am Ozean stehen. Weit und breit ist kein Café in Sicht. Oder doch? Unten am Hang in einer kleinen Bucht sehen wir ein einsames Häuschen stehen. Das muss es sein! Und tatsächlich: Das kleine Haus entpuppt sich als das Café Fjoruhusio. Die Spezialitäten des Hauses sind die köstlichen Waffeln sowie die Fischsuppe, die wir uns nun schmecken lassen. Im gemütlichen Gastraum kann man sich bei dem fiesen Wetter hervorragend aufwärmen. Bei Sonne kann man dagegen herrlich auf der angrenzenden Terrasse die Aussicht genießen.

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Ein beliebtes Isländisches Fotomodel…

…begegnet uns ein paar Kilometer weiter. Wir sind wieder zurück auf der Straße und machen Halt an der Kirche von Budir, die wohl zu den beliebtesten Island-Motiven gehört. Wirklich lange halten wir es draußen aber nicht aus, denn das Wetter wird immer ungemütlicher und der Wind bläst uns eisig den Regen ins Gesicht.

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Wir kommen insgesamt langsamer voran als gedacht und die zahlreichen Fotostops tun ihr Übriges. Für den Rest der Etappe beschränken wir die Stopps auf ein Minimum – wobei mir das in Anbetracht der Landschaft nur schwer gelingt.Einen letzten Stop legen wir in Grundarfjördur ein, wo wir unsere Essens- und Benzinvorräte aufstocken und den Kirkjufell besuchen.

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Schließlich tauchen wir in atemberaubende Landschaft der Fjorde Kolgrafafjördur und Hraunsfjördur ein. Die Wolken zaubern ihr eigenes mystisches Kunstwerk und verwandeln die Landschaft in eine düstere Märchenwelt.

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An der Gabelung der Straße 58, die nach Stykkisholmur führt, verabschieden wir uns schließlich von unseren zwei Mitreisenden, die ihren Teil dazu beigetragen haben, dass der Tag zu dem wurde, was er war – nämlich einer der Schönsten unserer gesamten Islandreise – und das trotz schlechten Wetters und ohne Gletscherblick.

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Die letzten 130 Kilometer legen wir alleine und über holpernde Schotterpisten zurück bis wir schließlich fast in der Nacht unsere Unterkunft am Hrútafjörður erreichen. Wenn wir ein bisschen mehr Zeit gehabt hätten, wäre ich gerne länger an den Inseln im Breidafjördur verweilt die schon von der Straße aus unglaublich schön ausgesehen haben.

Und so geht einer der längsten Etappen auf unserer Island-Reise zu Ende. Ein Tag, der ein gutes Beispiel dafür ist, dass auf Reisen selbst aus den blödesten Situationen ein tolles Abenteuer werden kann. Oder vielleicht gerade deshalb…

Mein Island Guide: Islands Westen – Die Halbinsel Snæfellsnes

Länge der Etappe: knapp 450 Kilometer

Dauer: circa 8-9 Stunden reine Fahrzeit, mit Fotostopps sowie zwei bis drei längeren Stopps 12 Stunden

Start/Ziel: Vom Startpunkt in Borganes im Westen der Insel führt uns diese Etappe einmal rund um die Halbinsel Snæfellsnes und zu unserem Endpunkt, dem kleinen Ort Sæberg am Hrútafjörður

Meine Highlights: Baden im Landbrotalaug, die Polarfuchssichtung im Nationalpark (soll dort übrigens häufig vorkommen), generell die imposante Schönheit der Halbinsel sogar im Regen – vielleicht sogar besonders deshalb

Meine Tipps:

  • Auch wenn die Halbinsel abseits der Ringstraße liegt, kann ich einen Abstecher dorthin absolut empfehlen. Gerade wer sich wie wir die Westfjorde schenken muss, findet hier eine ähnlich unberührte Landschaft vor.
  • Unbedingt in Arnarstrapi und dem kleinen Café Fjoruhusio in Hellnar vorbeischauen.
  • Wer es sich zeitlich leisten kann, dem kann ich einen Übernachtungsstopp in Grundafjördur nur ans Herz legen. Dann hat man einfach mehr Zeit um die tolle Landschaft auf sich wirken zu lassen und vielleicht – bei gutem Wetter – noch eine Gletscherwanderung zu unternehmen.
  • Als günstige Übernachtungsmöglichkeit am Hrútafjörður kann ich übrigens das Sæberg Hostel empfehlen. Die Lage ist fantastisch, Zimmer und Aufenthaltsräume gemütlich und das Hostel hat sogar einen eignenen Hotpot mit Blick auf den Fjord.

Wie hat euch der kleine Ausflug nach Snæfellsnes gefallen? Habt ihr mal an einem schlechten Tag etwas besonderes erlebt, was ihr so nie erwartet hattet? Erzählt mir doch von euren Erlebnissen in den Kommentaren!

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