Street Art Brazil – Frankfurt meets São Paulo

Frankfurt, ich mag dich. Aber eins kann ich dir nur schwer verzeihen: deine Spießigkeit. Berlin, Amsterdam, Hamburg – sie alle quellen über vor kreativer Straßenkunst. Aber du? Du gibst dich geordnet und schick – bunte Graffiti passen nicht in dein Bild. Oder doch? Denn im Rahmen des Gastlandauftritts von Brasilien bei der Frankfurter Buchmesse präsentiert die SCHIRN Kunsthalle eine bunte und spektakuläre Ausstellung brasilianischer Street Art. Und machen damit das sonst so ordentliche Frankfurt zum Streetart-Mekka.

Brasilien ist weltweit für seine besonders vielfältige und kreative Streetart-Bewegung bekannt. Diese unterscheidet sich sowohl inhaltlich als auch ästhetisch ziemlich von der amerikanischen und europäischen Graffiti-Szene. Charakteristisch ist ihr politisch-soziale Klima und die ungeheure Vielfalt der Stiele und Techniken. Einmal durch die Straßen Frankfurts schlendern und mir dabei vorstellen ich schlendere durch Rio oder São Paulo? Das konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen und machte mich an dem Eröffnungstag auf einen Stadtrundgang der anderen Art. Auch wenn ich keinen großen Plan von Kunst habe – Streetart bringt einfach Farbe in das Alltagsgrau – und dafür liebe ich sie.

HERBERT BAGLIONE

Der Künstler aus São Paulo ist besonders für seine geisterhaft anmutenden und deformierten Gestalten bekannt, die er auf Wände, Wiesen, Sträucher oder wie hier in Frankfurt auf den Straßenboden neben der Hauptwache malt.

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JANA JOANA & VITCHÉ

Meine Namensvetterin malt gemeinsam mit ihrem Künstlerpartner Traumwelten voller Fabelwesen. Clowns, Harlekine und Vögel prägen ihren Stil und damit inzwischen auch ihr Heimatviertel Cambuci in São Paulo. In Frankfurt gestaltete das Duo das Außentreppenhaus der SCHIRN.

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ZEZÃO

Auch wenn die blauen Schnörkel auf den ersten Blick unbesonders wirken, haben sie doch eine tiefere Bedeutung. Und zwar nicht wegen des Bildes an sich, sondern dem eigentlichen Kontext der Anbringung. Denn Zezão zaubert mit seinen Ornamenten ein Stückchen Freunde in die dunkelsten Orte. Armenviertel, Kanalisationen oder wie in diesem Falle die unspektakuläre Decke des Fassadenganges der Schirn.

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NUNCA

Nunca verbindet zeitgenössische Kultur mit afrikanischen Elementen mit einem leichten Hang zum Kanibalismus. Das Frankfurter Graffitti ist Teil eines globalen Streetart-Projektes, das sich über mehrere Orte der Welt erstreckt. In der Rotunde der Schirn ist eine Reproduktion des ersten Teiles des Bildes aus São Paulo zu sehen.

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GAIS

Die abstrakten Formen von Gais, die auf den Bauzaun am Römerberg angebracht sind stehen im totalen Gegensatz zu den Bildern von Jana Joana  und Vitché, die man auf dem ersten Bild in Hintergrund sehen kann. Er macht seine Werke zu betretbaren Räumen und läd den Betrachter ein, sie mit allen Sinnen erleben.

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ZEZÃO II

Als ich das Graffiti an der Fußgängerunterführung der Untermainbrücke sah, wusste ich genau aus wessen Feder es stammte. Den Ort für sein Kunstwerk hat sich Zezão übrigens selbst ausgesucht.

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NUNCA I

In der Niddastraße unweit vom 25-Hours Hotel entfernt befindet sich der erste Teil von Nuncas Kunstwerk in Form einer riesigen Figur an einer der Fassaden. Wie die beiden Bilder jetzt aber genau zusammengehören, ist mir verschlossen geblieben.

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TINHO

Einer meiner liebsten Kunstwerke ziert Fassade des alten Polizeipräsidiums in der Friedrich Ebert-Anlage 5-11. Tinhos Bilder von kauernden, weinenden oder gefesselten Kinder gehen einfach unter die Haut. Durch ihren Blick schaffen sie Verbindung und Einsamkeit in einem. Als Vorlage dienen dem Künstler Vermisstenanzeigen in Kirchenblättern. Einige Figuren malt in Verstecke, auf Garagentüren oder unter Gleise, als würden sie sich tatsächlich dort verstecken.

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SPETO

Speto orientiert sich bei seinen Wandmalereien an traditionellen Cordels, mit Holzschnitten illustrierte mystische Geschichten aus dem 17. Jahrhundert, die von Einwanderern und Sklavenhandel dominiert sind. Das Bild, was er auf die Fassade der Matthäuskirche in der Friedrich-Ebert-Anlage 33 aufgebracht hat erzählt aus dem Leben eines sogenannten Motoboys, einem Motorradkurier, von denen in den Straßen São Paulo viele ums Leben kommen.

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RIMON GUIMARÃES

Rimon Gumarães lässt den Bauzaun tanzen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn der Künstler macht das anbringen seiner Graffitis zum Partyevent. Sein Sprayen wird von Musik, Gesang und Breakdance untermalt und ein bisschen kann man sich das ganze auch vorstellen, wenn man am Bauzaun am Gelände der KfW Bankengruppe in der Bockenheimer Landstraße 102-104 entlanggeht.

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ALEXANDRE ORION

Alexandre Orion macht die Stadt selbst zum Material. Unter dem Titel „Metabiotica“ wischte der Künstler in einem Tunnel die abgasgeschwärzten Wände so ab, dass eine 300 Meter lange Strecke von Totenköpfen entstand. Auch wenn er damit gegen kein Gesetz verstieß wurde der Tunnel nach nur 17 Tagen gereinigt. Das übriggebliebene Ruß vermischte er mit Farbe um sein Frankfurter Kunstwerk in der Junghofstraße 27 zu gestalten. Alexandre möchte mit seiner Kunst auf die Umweltverschmutzung in São Paulo hinweisen und gleichzeitig auch die Frage der Legalität von Graffiti stellen.

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ONESTO

Für den Künstler sind seine Graffiti mehr als nur Bilder – sie sind auch Aktion und Provokation. Mit seinen Werken tritt er mit dem Betrachter in Interaktion. Übrigens tragen alle seine Bilder seine Gesichtszüge.

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FEFE TALAVERA

Kunst aus Werbung. Das ist die Mission von Fefe Talavera, die ihre ausgedruckten Buchstaben zu großen Kunstwerken zusammenlegt. Der Drache an dem Glasportal der Deutsche-Bank-Türme interagiert mit seiner Form direkt mit den hochragenden Türmen rechts und links.

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 Warten auf den WHOLETRAIN

Zur Königsdiszipin der Graffitikunst gehört das besprayen eines kompletten Zuges. Das sonst ortsgebundene Street Art-Werk bekommt damit eine eigene Dynamik und Wandelbarkeit. Es taucht immer wieder in einem anderen Kontext auf. In einem Gemeinschaftsprojekt der brasilianischen Künstler wurde ein Zug der Linie U5 dementsprechend umgestaltet. Tja was soll ich sagen, auch nach fast zwei Stunden Wartezeit in der U-Bahnstation am Willi Brandt Platz habe ich den Wholetrain nicht zu Gesicht bekommen. Aber ich hab ja noch bis zum 27. Oktober Zeit…

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Was? Wie? Wo?

Die Ausstellung Street Art Brazil schmückt vom 5. September bis zum 27. Oktober die Frankfurter Innenstadt. Besonders toll: Die Schirn bietet dazu eine App an, die einen nicht nur auf kürzestem Weg zu den Kunstwerken führt, sondern auch Hintergrundinfos zum Bild, dem Künstler und der brasilianischen Street Art im Allgemeinen liefert. Mit dem Fahrrad habe ich etwa 90 Minuten gebraucht die Route abzufahren. Zu Fuß sollte man also mindestens 2-3 Stunden einplanen um alle Bilder zu sehen. Außerdem läuft während der Ausstellung eine tolle Instagram-Aktion: Jedes Foto was bei Instagram mit dem Hashtag #StreetArtBrazil getaggt wird erscheint in der Schirn selbst auf einer riesigen Leinwand. Und da sage einer noch Kunst sei langweilig. Ich bin jetzt schon traurig, dass Frankfurt Ende Oktober sein spießiges Gesicht zurück bekommt…

Seid ihr auch solche Streetartfans wie ich? Wie gefällt euch die Ausstellung?

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8 Kommentare

  • …aber vll. gibt’s ja Nachahmer und es etabliert sich was oder das, was beim Kreisel in Mainz-Kastel regelmäßig los, ist schnappt über…
    …mal sehn…bis dahin gilt: „festhalten was noch da ist“…
    Stefan

  • Pingback: travelpicture24 Immer wieder sonntags...in Frankfurt am Main - travelpicture24 | Reiseberichte und Fotos
  • Sehr schöner Bericht, allerdings muss ich hier mal einiges klarstellen! Und zwar „gab“ es in Frankfurt durchaus mal eine (eigene) lebendige Streetart-Kultur, die wurde aber von der Stadt erfolgreich mit der SOKO Graffiti zerstört. Ich selbst habe sechs !!! Monate im Knast gesessen wegen Sachbeschädigung obwohl der Staatsanwalt damals sagte, wie schön er die Bilder findet! Die Brasilianer durften durch die Stadt gehen und sich mal eben die besten Stellen aussuchen. Nichts gegen die Brasilianer aber ehrlichgesagt hätte man nicht soweit schauen müssen! Wenigstens hätte der „Stadt“ oder den Organisatoren des Street-Art-Festivals eine Kooperation mit heimischen Streetart-Künstlern gut zu Gesicht gestanden,oder? Man möchte halt alles gern schön geordnet und geplant haben, aber gerade Streetart lebt (meineserachtens) von der eher spontanen Aktion.

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