Geheimtipp Hochschelpen oder auch: So schön ist das Allgäu

Bisher fand ich Grasberge eigentlich immer ziemlich langweilig – bis ich vor ein paar Wochen in Balderschwang, der höchsten Gemeinde Deutschlands zu Besuch war.  Bei einer Wanderung auf den Hochschelpen entdeckten wir das wilde Herz des Naturparks Nagelfluhkette und ich meine Liebe zum Allgäu. Gut, vielleicht hat auch der goldene Oktober noch ein Stück dazu beigetragen, der uns mit Sonnenschein und Temperaturen über 20 Grad verwöhnte. Denn so macht eine Wanderung durch die saftige Wiesen, wilde Wälder und Hochmoore natürlich gleich noch mal so viel Spaß.

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Grasberge – meine neue Liebe!

Geheimtipp Hochschelpen – Grenzgang ins „wilde Herz“ des Naturparks

Gibt es etwas schöneres, als an einem sonnigen Samstag im Oktober einfach den Rucksack zu schnallen und sich zu Fuß in ein Abenteuer zu stürzen? Als schönste Wanderung in der Umgebung von Balderschwang wurde uns schnell die Tour auf den Hochschelpen empfohlen. „Geheimtipp“ ist ja meist ein überbewertetes Wort. Wie schnell entwickeln sich doch einstige Geheimtipps zu völlig überlaufenen Massenhotspots. Ganz anders die Wanderung auf den Hochschelpen, die den Zusatz „Geheimtipp“ meines Erachtens völlig verdient trägt. Abwechslungsreicher und panoramareicher kann eine Allgäuwanderung kaum sein. Aber erst einmal der Reihe nach.

Wilde Bolgenach

Der Weg startet bereits vielversprechend. Wenige Meter hinter dem Ortskern begegnen wir der Bolgenach, einem Gebirgsfluss, der seinen Weg vom Riedbergerhorn hinab ins Tal nimmt. Wegen seiner hohen Fließgeschwindigkeit transportiert der Fluss jede Menge Geröll mit sich, was dazu führt dass sich der Lebensraum ständig wandelt.

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Vorbei an der Burgl-Hütte

Auf einem zunächst asphalitierten Weg geht es rechts am Gelbhanskopf vorbei zur Burgl-Hütte. Balderschwang ist längst in weite Ferne gerückt. Ich beneide die Menschen, die hier leben und diese Idylle jede Tag beim Gassi gehen mit dem Hund erleben können. Im Sommer müssen es hier vor Kühen nur so wimmeln, doch jetzt im Oktober sind diese schon lange im Stall und auf den Weiden im Ort untergebracht. Ich bin mir sicher, an diesem Tag wünschen sie sich alle zu uns auf die Weide zurück.

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Bei Temperaturen um 20 Grad haben wir längst die Jacken über den Rucksack gehängt. Dennoch kommen wir schnell ins Schwitzen und die Sonne scheint erbarmungslos auf uns hinab. Wer hätte gedacht, dass ich mich Ende Oktober einmal nach Schatten sehnen würde? Überhaupt verrät nur die bunte Blattfärbung, dass wir uns mitten im Herbst befinden. Eine Zeit, die man eigentlich als schönste in den Bergen bezeichnen kann. Denn die Sicht ist klarer als im Hochsommer und die Temperaturen sind noch angenehm – jedenfalls an diesem Tag.

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Statt in der Burglhütte einzukehren, ziehen wir es vor unsere Pause auf einer kleinen Bank oberhalb der Hütte mit einem kleinen Gipfelkreuz im Rücken und herrlichem Blick zu verbringen.

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Auf zum Sättele

Auf dem breiten Weg wandern wir zunächst am Hochschelpen-Lift vorbei – der natürlich zur Zeit außer Betrieb ist – und hinein in den Wald. Mit der Überquerung des Lappbachs passieren wir auch die Landesgrenze und befinden uns nun bei den Nachbarn in Österreich.

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Auf schmalen Pfaden geht es unterhalb des Feuerstätterkopfs hinauf zum Sättele. Falls ich jemals dachte, das Wandern im Allgäu sei keine Herausforderung, wurde ich spätestens jetzt eindrucksvoll vom Gegenteil überzeugt. Mit zunehmendem Schnaufen wird jedoch die Landschaft um uns herum immer schöner: Saftig grüne Bergwiesen soweit das Auge reicht, die nur von ein paar grünen Tannen und vereinzelten Almhütten unterbrochen werden.

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Die letzten Meter bis zum Sattel geht es fast senkrecht nach oben. Uns kommt ein Pärchen mit dem Mountainbike entgegen und ich kann die Frau nur verstehen, die hier lieber absteigt und schiebt als sich waghalsig ihrem Mann hinterher den gerölligen Abhang herunter zustürzen. Oben angekommen werden wir mit einem tollen Blick in Richtung österreicher Alpen belohnt. Die leichten Nebelschaden, die sich an den Bergspitzen festsetzen, zaubern eine ganz eigene Atmosphäre.

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Die Odyssee zum Hochschelpen

Falls ihr jemals diese Tour nachgehen möchtet, verrate ich euch folgendes: JA, der Trampelpfad der links auf dem Grad entlang führt und nicht ausgeschildert ist, IST EIN WEG und zwar genau DER, den ihr jetzt nehmen müsst. Wir haben nämlich einfach mal alle Alternativen ausprobiert: Der Trampelpfad war ist unsere erste Idee, die wir aber nach ein paar Metern wieder verwerfen, weil es keine Wegmarkierungen gibt. Der Weg gerade aus den Berg hinunter ist falsch, weil dieser vorbei an der Vögels-Neualpe und damit auch in die falsche Richtung führt. Eine Abzweigung haben wir auch nicht verpasst, denn auch das haben wir geprüft und sind gute zwei Kilometer wieder zurück gelaufen. Rund eine Stunde später und bevor wir jetzt auch noch den dritten falschen Weg nach rechts oben hinauf auf den Feuerstätterkopf ausprobieren, beschließen wir uns telefonische Hilfe im Hotel zu holen. Wir erfahren, dass unsere erste Intuition schließlich doch richtig war und wir uns einfach über Stock und Stein den Grad entlang durchs Dickicht schlagen müssen. Hätten wir vor einer Stunde mal auf unsere Intuition gehört.

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Den Rest des Weges auf den Hochschelpens irren wir mehr geirrt als dass wir wandern. Immer wieder verlieren wir die Wegmarkierung und finden uns plötzlich in Mitten einer Sackgasse wieder. Wir sind um jeden Wanderer dankbar, der uns begegnet – aber viele sind das nicht. Dafür ist die Landschaft wild und unberührt. Pilze wachsen überall und Disteln stellen sich uns in den Weg  – wenn man überhaupt von „Weg“ sprechen kann. Unsere einzige Orientierung ist der Sattel, dem wir theoretisch bis zum Hochschelpen folgen müssen.

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Kurz vor dem Gipfel gibt es schon einmal eine kleine Vorschau, was uns hinsichtlich des Panoramas auf dem Hochschelpen erwarten wird.

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Dann erreichen wir schließlich den Gipfel. Ich bin überwältigt von der Aussicht. Denn anders als die Karte vermuten lässt bietet sich von seiner lediglich 1550 Meter hohen Spitze ein herrlicher 360 Grad-Blick. Die großen Felswände im Süden gehören zum Hohen Ifen mit den Gottesackerwänden – im Norden dagegen offenbart sich die zentrale Nagelfluhkette.

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Viele Wanderer werden mir jetzt nickend zustimmen: Ich teile ja mein Bergglück gerne mit anderen Wanderern. Nur warum müssen diese ihre Picknickplätze ausgerechnet vor hinter und neben dem Gipfelkreuz aufschlagen? Nachdem wir auf dem Weg kaum eine Menschenseele getroffen haben, wimmelt es auf dem Hochschelpen plötzlich nur so von Menschen. Dabei fährt doch zur Zeit gar keine Seilbahn. Schimpfend wie ein Rohrspatz bahne ich mir den Weg durch die Gruppe. Aber da man für das perfekte Foto nicht selten ein bisschen Geduld mitbringen muss, lassen wir uns fernab der Gruppe nieder. Bis wir unser Picknick aufgegessen haben, werden sie doch sicher alle verschwunden sein.

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Nachdem das Picknick aufgegessen ist und wir noch ein ausgedehntes Mittagsschläfchen im Gras (man bedenke, es ist Ende Oktober!) hinterher geschoben haben, wollte ich schon fast aufgeben. Doch dann packt die Gruppe schließlich all ihr Hab und Gut zusammen und gibt endlich das Gipfelkreuz frei. „Genießt das neue Gipfelkreuz!“ rufen Sie uns zu während sie den Abhang hinabsteigen. Ich schäme mich ein wenig. Anscheinend muss hier jeder meinen Unmut mitbekommen haben. Ich bedanke mich schuldbewusst und die letzten der Gruppe erklären mir, dass sie gerade das Gipfelkreuz neu angebracht haben. Das erklärt auch, warum sie mit Sägen und Holzpfeilern auf dem Berg unterwegs waren. Ich fühle mich noch schlechter. Als wir das Kreuz für uns haben, tragen wir uns als erste in das neue Gipfelbuch ein und bedanken uns auf diesem Wege noch einmal für das schöne neue Kreuz, das die Familie Andreas Buchgraber der Gemeinde gesponsert hat. Dann schließlich bekomme ich auch meine einsamen Gipfelfotos. Und ich nehme mir ganz fest vor, beim nächsten Mal ein bisschen toleranter zu sein!

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Die Allgäuer Hochmoore

Bereits vor dem Gipfel aber auch jetzt danach führt unser Trampelpfad durch ein sogenanntes Hochmoor. Darunter versteht man Moore, die ihren Wasserhaushalt ausschließlich über Regenwasser speisen. Für das Allgäu typisch sind die bewaldeten Moore, an denen sich Bäume wie die Moor-Birke mit Wiesenabschnitten voller Diesteln und Wollgras abwechseln.

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Der Gelbhanskopf

Das Moor beschert uns nicht nur nasse Füße, sondern macht es uns außerdem schwierig dem Weg zu folgen. Durch unser zahlreichen Umwege und das Warten am Gipfel sind wir ziemlich spät dran. Über den Grad führt unser Weg nun rüber zum Gelbhanskopf auf 1.437 Metern, dem Hausberg von Balderschwang. Auch wenn wir das Gefühl hatten, kreuz und quer zu laufen, finden wir schließlich doch den Gipfel und erobern unser drittes Gipfelkreuz für diesen Tag.

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Das Ziel vor Augen müssen wir jetzt nur noch zurück ins Tal auf 1.044 Meter gelangen. Der Weg ist nun endlich breiter und nicht zu übersehen. In Serpentinen geht es steil hinab. Endlich begegnen wir auch wieder anderen Wanderern, denn der Gelbhanskopf ist ein gut erschlossenes Wanderziel und mit seiner guten Stunde Gehzeit auch ein beliebter Spaziergang der Einheimischen.

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Auf dem Weg ins Tal genießen wir noch einmal die letzten Sonnenstrahlen auf einer Parkbank mit herrlichem Panorama. Gerade jetzt, wo die Sonne langsam hinter den Berggipfeln verschwindet, fällt mir besonders die Ruhe auf, die hier herrscht. Still sitzen wir nebeneinander und lassen die Stille auf uns wirken.

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Schließlich erreichen wir wieder die Burglhütte vom Anfang und gehen die letzten 30 Minuten auf dem gleichen Weg zurück. Als wir das Hotel erreichen ist es bereits nach sechs Uhr. Für die angebliche drei bis vier Stunden-Wanderung haben wir – natürlich mit Pausen – ganze sieben Stunden gebraucht. Auch wenn unser nachmittägliches Wellnessprogramm am Pool nun leider ausfallen musste, gehört die Wanderung auf den Hochschelpen zu meinen liebsten Touren überhaupt. Und während wir unsere brennenden Füße und Beine im Pool entspannen uns sich unser Magen auf das Abendessen freut, ist die Anstrengung auch schnell wieder vergessen…

Nachwandern

Wer die Tour nachwandern möchte, findet auf naturpark-erleben.info alle Details zur Wanderung. Auf den gut 13 Kilometern müssen knapp 700 Höhenmeter überwunden werden. Ohne Pausen und Verlaufen braucht man für die Strecke etwa vier Stunden – allerdings würde ich alleine schon wegen der tollen Kulisse einen ganzen Tag dafür einplanen.

Mit Dank an das Hotel Hubertus, die unseren Aufenthalt in Balderschwang unterstützt und mit dieser tollen Tourempfehlung bereichert haben. Ohne euch hätten wir wohl auf dem Sättele campen müssen.

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5 Kommentare

  • Das ist aber auch ein großer Zufall, dass sie genau in der Stunde ein neues Kreuz angebracht haben. Ich ärgere mich auch jedes Mal aufs neue über die Leute die bei der Brotzeit das Kreuz als Rückenlehne nutzen müssen. Hätte doch jeder gern ein Bild vom Kreuz ohne 20 Personen drauf, musste schon oft genug darauf verzichten :-(

    LG und einen guten Wochenstart
    Manuela

    • Ja, meistens ist es eben genauso. Aber diesmal hab ich mich echt für meine Meckerei geschämt :-D Dafür gabs danach tolle Fotos mit dem niegelnagelnäuen Kreuz. ;-) LG Jana

  • Hello Jana, sorry that we kept you waiting so long for your photos! I was among that group of people who put up the new cross that day and I remember you standing at the cross as we made our way back down the mountain. That was a very special day for all of us and quite a unique experience. It was nice to read your report about your hiking trip through the mountains around Balderschwang. I agree with you, the views are beautiful and well worth the effort. Thank you for „including us“ in your report. It was a day I will also fondly remember.
    Brendan

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