Hibb de Bach und dribb de Bach – Gebrauchsanweisung für Frankfurt am Main

Ich hatte bereits viel gutes über die „Gebrauchsanweisungen“ gehört, als ich mir vor kurzen in einem Anflug von neu erwachtem Lokalpatriotismus und als Neufrankfurterin das Buch der Reihe über Frankfurt am Main
zulegte. Seit dem Kauf war die Mischung aus Reiseführer und Lokalkolumne mein ständiger Begleiter – im Zug, auf der Parkbank, im Bus, an der Haltestelle. Meine gestrige dreistündige Zugfahrt zuzüglich einer Stunde Wartezeit am Hauptbahnhof nutze ich um meine Reise durch Frankfurts Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu vollenden.

Constanze Kleis – übrigens wie ich geboren in Niedersachsen lebt seit fast 30 Jahren in Frankfurt und hat somit die für Zugreiste fortgeschrittene Frankfurter Daseinsform „eingeplackt“ erreicht.

Wie beeindruckt man eine Frankfurterin? Was haben Goethe und der Eiffelturm gemeinsam? Wie konnte ausgerechnet „Handkäs mit Musik“ zum kulinarischen Aushängeschild der internationalen Finanzmetropole werden? Und wer brachte den Humor in den Frankfurter Wald? Vom Witz der Natur, der Weltkarriere eines Würstchens und der Leidenschaft einer zukunftsorientierten Bankmetropole für altes Fachwerk. Na denn!
Ich muss sagen, ich hab selten so ein amüsantes Buch gelesen.
Ein paar Anekdoten:

Der tägliche Wahnsinn:

Zu den Spitzenreitern im zwangspausenproduzierenden Gewerbe zählt die Verkehrsgesellschaft Frankfurt am Main. Allerorten hat sie Countdown-Anzeigen aufgestellt, die dem wartenden Bürger Klarheit verschaffen sollen, in wie vielen Minuten kommt, wofür er bezahlt: eine Beförderung. Klug war das nicht. Seitdem ist offiziell, dass sich zwei Minuten nicht nur wie zehn anfühlen können, sondern faktisch auch zehn sind.

Über die Frankfurter Bescheidenheit:

In Frankfurt spricht man nicht über Frankfurt. Jedenfalls nicht laut und schon garnicht enthusiastisch. Anders als in München oder Hamburg, wo es offenbar Steuererleichterungen dafür gibt, ständig seine Stadt zu preisen, halten sich die Frankfurter mit Lobhudeleien für ihren Heimatort vornehm zurück. […] Daraus auf tiefe Abneigung zu schließen, würde allerdings direkt zum nächsten Frankfurt-Irrtum führen.

Das kulinarische Frankfurt:

Dass es der Frankfurter schon immer sehr eilig gehabt haben muss, zeigt sich selten so deutlich wie an den lokalen Leckerbissen. […] Als die Herdanziehungskräfte verteilt wurden, war Frankfurt offensichtlich gerade nicht anwesend.“ Also ich mag das Essen! Schicht, einfach und bodenständig.

Evakuierung?

Sollten Sie sich nachmittags zufällig am Frankfurter Hauptbahnhof befinden, machen Sie sich bitte keine Sorgen. Was aussieht, wie eine komplette Evakuierung, so, als hätte man gerade eine lebenswichtige Meldung wie „Ein Meteorit rast auf die Stadt zu“ verpasst, ist nur der ganz normale Pendlerverkehr.“ Merke: Tunlichst meiden.

Äppler hautnah:

Eigentlich sieht er recht harmlos aus, wie er da so goldig in seinem Rautenmusterschoppenglas schimmert. Kann ja nicht so schlimm sein, denkt man sich. Ohnehin ist man fest entschlossen, zu absolvieren, was Reiseführer und Einheimische wie eine tibetanische Gebetsmühle, als die Frankfurter Version der Äquatortaufe predigen: den Genuss von Apfelwein. […] Also „hopp, hopp, hopp, Schoppe in de Kopp“, so das Mundart-Apfelwein Mantra. Gut, man kriegts runter. Aber ehrlich: Er schmeckt nicht. Jedenfalls nicht besonders. Eher ziemlich sauer. Hauptsächlich sauer. […] Mittlerweile hat man das vierte Glas bestellt. Die versprochene Genusshorizonterweiterung scheint sich zu verspäten. Wenigstens hat man sich damit die Lizenz zum Mitreden erworben. „Nach em verte Schobbe“, so eine der zahllosen Apfelweinregeln, „darf mer de Nachbar aach fraache.“ Also ich für meinen Teil maach dat Stöffje.

Kleis über die Wohnungssuche:

Suchen Sie einfach mal eine Wohnung in Frankfurt. Nach spätestens vier Wochen haben Sie das Gefühl, mindestens die Hälfte aller Gebäude besichtigt zu haben. Dabei sind Sie einer in Frankfurt sehr seltenen Spezies begegnet: Menschen, die die Stadt zum Niederknien finden, die so ausdauernd die Vorzüge Frankfurts preisen, als stünden sie ganz weit oben auf der Gehaltsliste des örtlichen Tourismusbüros. […] Die Stadt zählt gleich nach München mit durchschnittlich 11,50 Euro Miete pro Quadratmeter bundesweit zu den Grand-Cru-Lagen, ein Glanz, von dem Frankfurter Hauseigentümer annehmen, er adele alles. Sogar drei düstere Räume mit Aussicht auf einen Müllcontainer.“ Wie wahr. Merke: Bloß nicht mehr umziehen!

Der Main:

Die Frankfurter lieben ihren Maa als Seele vom Ganzen und als eine der raren Größen, von denen man abends ganz sicher weiß, dass sie auch morgen noch da sein werden.

Die Mundart:

Glaubt man der Online-Partnervermittlung Elite, taugt die Frankfurter Mundart vor allem als Verhütungsmittel. […] Einzig sächsisch wurde offenbar als noch größere Zumutung für den Hormonhaushalt empfunden.“ Also ich höre gern Gebabbele.

Fazit: Unbedingt lesen – Prädikat besonders unterhaltsam. Vor allem für Frankfurter, Neu-Frankfurter und Frankfurt-Reisende. Das Buch ist im Piper-Verlag erschienen – Kostenpunkt: 14,95. Das wird bestimmt nicht meine letzte Gebrauchsanweisung gewesen sein. Übrigens auch ein toller Geschenktipp für den Umzug.

More from Jana

Visite d’une journée à Bruxelles – Ein Tag in Brüssel

Von Aachen aus ist Brüssel nur einen Katzensprung entfernt. Nach einem Besuch...
Weiterlesen

3 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.