Mit dem Fahrrad durch Amsterdam – Ein Erfahrungsbericht

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Meine Kamera baumelt um meine Hals während ich – den Stadtplan in der einen Hand, den Lenker in der anderen – auf meinem Fahrrad versuche mich gleichzeitig mit dem neuen Rad und in der neuen Stadt zurechtzufinden und mich dabei nicht von den links und rechts überholenden Holländern beeindrucken zu lassen. Mein Plan: Amsterdam wie ein Einheimischer erkunden. Und wie geht das am besten? Genau, mit dem Fahrrad. So schafft man es auch am schnellsten aus dem Touristensumpf der Altstadt hinaus und kann das wahre Amsterdam erleben.

Dass mich auch nur ein Amsterdammer für einen Einheimischen halten könnte, musste ich spätestens dann aufgeben, als ich den roten „Mac Bike“ Button an dem Lenker meines Fahrrades entdeckte, der nicht nur mein – sondern auch das Rad zahlreicher anderer Radfahrer zierte, die mir auf meinem Weg so begegnet sind. Stempel. Anfänger. Das dachte ja sogar ich, als ich die unsicheren Touristen – wahrscheinlich sah ich ganz genauso aus – durch die Straßen fahren sah. Wenigstens mit Technik musste man sich nicht anfreunden. Mein Fahrrad besaß genau einen Gang und eine Rücktrittbremse. Wenn man es dann noch geschafft hat das Schloss zu öffnen, dann war man technisch bereit für die Stadt. Technisch heißt aber noch lange nicht mental…

Mein Tipp: Wer sich nicht so gerne alleine durch den Fahrradschungel schlägt und/oder in kurzer Zeit möglichst viel  sehen möchte, dem kann ich eine geführte Fahrradtour durch Amsterdam ans Herz legen!

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Auch wenn ich mich als ziemlich geübten Radfahrer bezeichnen würde – schließlich fahre ich mit selbigem schon seit fast 20 Jahren zur Schule/Uni/Arbeit – ist das Fahrradfahren im Amsterdam noch mal ein ganz anderes Kaliber. Versteht mich nicht falsch. Ich habe noch in keiner anderen Stadt ein so gut ausgebautes Fahrradstreckennetz erlebt wie dort. Die Gefahr droht jedoch weniger von dem Autoverkehr, als von den Fahrrädern selbst. In einem Affenzahn brausen sie rechts und links an einem vorbei und wehe man versucht – und das kommt als Touri ja schon mal vor – an der Ampel nun doch gerade aus zu wollen statt rechts abzubiegen. Dann betet zu Gott. Aber mit dem Mac Bike Button verhält es sich im Grunde wie mit dem „A“ oder „L“ auf dem Fahrschuhlwagen: die meisten Einheimischen haben dann doch ein wenig mehr Verständnis, wenn man mal wieder den ganzen Verkehr aufhält. Wie gesagt, die meisten. Warum man sich trotzdem auf diesen Stress einlassen sollte? Weil man mit keinem anderen Verkehrsmittel – und das gilt auch für zahlreiche andere Städte – in so kurzer Zeit so viele Eindrücke bekommen kann. Wer sich jetzt nicht von meiner Erfahrung hat abschrecken lassen und vielleicht auch ein wenig Fahrraderfahrung mitbringt (denn das empfehle ich dringendst), für den habe ich den perfekten Routenvorschlag parat.

Startpunkt: Amsterdam Centraal

Die Tour beginnt an der Centraal Station. Amsterdams Hauptbahnhof ist nicht nur das Tor zur Stadt sondern auch eines ihrer schönsten Gebäude. Im Jahr 1889 wurde er vom Architekten Petrus Cuypers im Neorenaissancestil auf einer künstlichen Insel gebaut, die von mehr als 1.000 Holzstelzen getragen wird. Der Bahnhof liegt tatsächlich mitten in der Innenstadt und kann von überall bequem erreicht werden. Von hier aus geht es weg vom Touristenstrom, der gerade aus in die Altstadt pilgert auf der Haarlemmerstraat nach Westen.

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Vintage Shopping in der Haarlemmerstraat

In der Haarlemmerstraat lohnt sich bereits ein erster Zwischenstopp. Hier lässt es sich nämlich vortrefflich shoppen. Kleine Einrichtungsläden reihen sich an coole Second Hand Shops – dazwischen lauter kleine Cafés, die sich bestens für eine Shoppingpause eignen. Besonders gut gefallen hat mir der Marbles Vintage & Design Shop gefallen. Das Paradies aus Lederboots, Kleidern, Chucks und allerlei Accessoires ist mit einer solchen Liebe zum Detail eingerichtet, dass ich einfach nicht vorbei gehen konnte. Das tollste an Amsterdam: hier haben die Geschäfte sogar auch sonntags geöffnet.

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Durch den Westerpark

Hat man genug vom Shopping bietet sich ein Abstecher ins Grüne an. Vorbei am Haarlemerplein geht es gerade aus in den Westerpark. In der schön angelegten Parkanlage kann man gemütlich ein paar Runden drehen ohne Fahrradverkehrsstress. Wer möchte kann auch der angrenzenden Westergasfabriek einen Besuch abstatten. In der alten Gasfabrik gibt es jede Menge Veranstaltungen und Ausstellungen – unbedingt vorher checken, ob etwas los ist.

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Das Stadtviertel Jordaan

Südlich der Haarlemmerstraat liegt das Stadtviertel Jordaan. Die ursprüngliche Arbeitergegend zwischen der Nassaukade und der Prinsengracht ist eines meiner liebsten Ecken in Amsterdam. Kleine Lädchen, viele historische Kneipen und hübsche Häuser mit liebevoller Blumendeko laden zum Verweilen ein. Ich bin wirklich beeindruckt von der Liebe zum Detail, mit der die Amsterdammer ihre Häuser, Shops und Cafés schmücken.

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Auf den Noordermarkt

Als wäre das noch nicht genug findet in Jordaan jeden Samstag der Noordermarkt statt. Neben Antiquitäten, Vintage Kleidung und allerlei anderem Trödel gibt es auch ein Biowochenmarkt. Ob frische Austern, Honig, Backwaren oder Kääääässseeee, hier findet man alles was das Schlemmerherz begehrt. Und das ganze zu einem unschlagbaren Preis: für mein 250 Gramm Stück Käse habe ich gerade mal 2,70 bezahlt. Leider hat der Käse es nicht bis nach Hause geschafft – er ist schon unterwegs meinem Magen zum Opfer gefallen.

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Weltkulturerbe: Grachtengürtel

Von Jordaan aus lässt sich hervorragend den berühmte Grachtengürtel besuchen. Das Kanalsystem Amsterdams besteht aus etwa 200 Kanälen, die als Grachtengordels seit 2010 zum UNESCO Weltkulturerbe zählen. Die Wassergräben wurden im 17. Jahrhundert ausgehoben und sollten der Verteidigung der Stadt aber auch dem Warenverkehr dienen. Heute sind sie das wohl wichtigste Wahrzeichen Amsterdam und sein wir mal ehrlich: sie sind es wert. Ich meine mal abgesehen davon, dass ich ein absoluter „Wasserfan“ bin, bei diesem Anblick kann man doch nur dahin schmelzen. Die Grachten brachten Amsterdam auch den Namen „Venedig des Nordens“ ein. Ich finde diese Bezeichnung wird ihnen gar nicht gerecht, denn mir persönlich gefällt Amsterdam deutlich besser als das „italienische Original“. Ein Kanal ist schöner als der andere. Sobald man glaubt, den schönsten gefunden zu haben, taucht schon der nächste vor einem auf, der noch schöner zu sein scheint. Was für ein Luxusproblem…

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De 9 Straatjes

Folgt man den Grachten nach Süden stolpert man quasi automatisch in das Shoppingparadies De 9 Straatjes. In den neun kopfsteingepflasterten Straßen rund um die drei Hauptgrachen befindet sich ein buntes Sammelsurium aus Buchläden, Cafés und Second Hand Shops. Der optimale Ort für eine Mittagspause.

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Eine Oase: Der Begijnhof

Wagt man sich noch ein Stückchen stadteinwärts kann man eine wahre Oase entdecken. Der Begijnhof liegt an der Ecke Spui/Kalverstraat und war im Mittelalter ein Rückzugsort für alleinstehende Frauen, die hier in einer religiösen Gemeinschaft lebten. Betritt man durch das Tor den Innenhof fühlt es sich an als käme man in eine ganz andere Welt. Eben noch im vergnügten Trubel der Großstadt – jetzt in der ländlichen Idylle eines kleinen Dorfs. Weiß getünchte Häuser umgeben von Kastanienbäumen und in der Mitte zwei kleine Kirchen – das ist wirklich Idylle pur. Wären da nicht die anderen Touristen, die sich selbst in der Kirche nicht zu benehmen scheinen zu können.

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Der Klassiker: Der schwimmende Bloomenmarkt

Nun geht es wieder stadtauswärts in Richtung Süden. Bevor man die Altstadt wieder verlässt bietet sich ein Abstecher auf den berühmten schwimmenden Blumenmarkt auf der Prinsengracht an. Obwohl ein sehr touristisches Unterfangen, muss man den Blumenmarkt wohl mal gesehen haben – denn die Blumen gehören für mich zu Amsterdam genauso dazu wie Grachten und Coffeeshops. Allerdings mag ich bezweifeln, dass sich auf diesen Markt tatsächlich auch nur ein Einheimischer verirrt.

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Museumplein

Über die Leidsestraat erreicht man den Museumplein. Alleine der Weg dahin ist schon schön, denn die Straße ist gesäumt von kleinen Galerien und Ateliers und in der Luft liegt die Musik von Straßenmusikanten. Allerdings muss wegen eines Fahrradverbotes das Rad hier geschoben werden. Das macht aber gar nichts, denn so kann man auch viel besser die bunten Schaufenster betrachten. Am Museumsplein wimmelt es dann nur so vor Touristen und wer einen Blick in eines der zahlreichen Museen werfen möchte, braucht viiieeel Geduld. Ebenso viel Geduld benötigt man, wenn man eines der beliebten Fotos vor den riesigen „I amsterdam“-Buchstaben machen möchte. Ganz alleine schafft man es wohl nie aufs Foto.

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Durch den Vondelpark

Lässt man das Museumplein und damit auch die Touristenhorden in südwestlicher Richtung hinter sich, erreicht man nach kurzer Zeit den Vondelpark. Das riesige Gelände ist perfekt sich für eine Radtour geeignet und bietet Erholung von den ganzen Touristenmassen. Ebenso untouristisch geht es dann weiter. Über die Jacob-Obrecht-Straat und anschließend entlang des Noorder Amstel-Kanaals gelangt man nun in den Südosten der Stadt, genauer in das Stadtviertel De Pijp.

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De Pijp – das Quartier Latin von Amsterdam

Das auch als Quartier Latin Amsterdams bezeichnete Viertel De Pijp hat sich in den letzten Jahren vom einstigen Arbeiterviertel zum angesagten Studenten- und Multikultiviertel gemausert. Besonderes Highlight ist der Albert-Cuyp-Markt, benannt nach dem gleichnamigen niederländischen Landschaftsmaler. Montag bis Samstag gibt es auf dem größten Straßenmarkt Hollands frisches Obst und Gemüse, Fisch, Blumen und Pflanzen, Kleidung und Schmuck. Hatte ich erwähnt, dass ich Sonntags dort war?

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An der Amstel

Vorbei am Sarphatjpark erreicht man in östlicher Richtung die Amstel, an deren Ufer man bequem zurück ins Stadtzentrum fahren kann. Das ist vor allem vom Rotlichtviertel dominiert und voller Touristen. Irgendwie erinnert mich die Amsterdammer Altstadt fast schon an südostasiatische Großstädte – mit dem Unterschied, dass die Straßen hier statt den Scootern den Fahrrädern gehören. Im Chinatown gibt es neben Pekingenten, Thai Massagen und Asiakitschläden sogar einen chinesischen Tempel.

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So sehr mich Amsterdam begeistert hat, mit der Altstadt verbindet mich eine Art Hassliebe. Ich bin ja eigentlich ein Freund von trubeligen Städten, aber in Amsterdam geht mir das ganze manchmal ein bisschen zu weit. Wie Yvonne von Justtravelous mal so treffend feststellte: „die Stadt fühlt sich an, wie ein zu groß geratener Vergnügungspark“ und damit hat sie verdammt nochmal recht.

Wo übernachten?

Unser gemütliches kleines Hostelzimmer im Amsterdam Cribs, befand sich in Mitten des Rotlichtviertels in der Oude Hoogstraat. Wer mitten im Geschehen sein und von der Kneipe aus direkt ins Bett stolpern möchte, muss zwar einen gewissen Lärmpegel in Kauf nehmen – dafür gibt es kaltes Bier und Gras zur Begrüßung und eine riesige Auswahl an Bongs und Pfeifen im Regal – auch nett… Ich kann das Cribs absolut empfehlen – wer es jedoch gerne ruhig mag und ein paar Schritte mehr nicht scheut, sollte sich besser etwas außerhalb eine Bleibe suchen!

Warst du schon mal in Amsterdam? Wie hast du die Stadt erlebt?

PS: Amsterdam nur mit Handgepäck? Kein Problem! Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, wie und warum ich nur mit Handgepäck reise, dann leg ich dir meine Video-Reihe Nur mit Handgepäck reisen ans Herz!

PPS: Du willst wissen wie ich es schaffe so viel zu Reisen? Ich verrate dir wie du deine Urlaubstage maximierst!

Vielen Dank an Hostelbookers, die meine Reise nach Amsterdam mit einem Zimmer im Amsterdam Cribs unterstützt haben und an Katharina vom Niederlandeblog für die vielen tollen Tipps im Vorfeld.

18 Kommentare

  • Ein Beitrag der absolut Lust macht … aber irgendwie scheinst eine Hand zuwenig gehabt zu haben, Kamera, Karte, schauen und Radfahren auf einmal.
    Tolle Impressionen …
    LG sendet Daniela

    • Du sagst es! Generell wäre es auf Reisen manchmal praktisch ein Tausendfüßler zu sein. Ich sage nur: Handy, Kamera, Reiseführer, Karte etc…

  • Hihi, ich habe mich entdeckt… 🙂
    Es war wirklich schön in Amsterdam und ich hoffe, dass ich noch mal ohne Erkältung zurück kommen werde.

    Ein sehr schöner Bericht, der Erinnerungen weckt!

    :-*

    • Hihi ich mag das Foto total!!! Ich will auch unbedingt mal wieder kommen, es gibt noch sooo viel zu sehen!!! :-* Jana

  • Amsterdam ist ja generell super, mit dem Fahrrad allerdings noch besser 🙂 Mein Tip für „unerkannte“ Touritouren auf dem Rad sind die Räder von http://www.starbikesrental.com/. Keine blöden Plaketen die einen direkt entarnen, sondern schmucke Hollandräder, fairer Tarif und im Laden gibt es leckeren Kaffee und spitzen Sandwiches. A´dam forever!

  • Hallo Jana,

    ich bin begeistert. Ihr habt echt viel von meiner Liste geschafft!!! Gut, dass A’dam so klein ist.
    Übrigens, seitdem ich dort wohnte, fahre ich kein Fahrrad mehr. Nun weißt Du wieso…

    Kleine Korrektur: Die Westergasfabriek war ein altes Gaswerk – sorry, ist halt MEIN Thema :-).

    LG Katharina

    • Mit dem Fahrrad lässt sich ja alles bequem abfahren… Leider war Jessi so angeschlagen, das ich die Radtour am Sonntag alleine machen müsste – Samstag haben wir dagegen alles Fußläufige erkundet 🙂 Schee war’s!!!

  • Pingback: Fernweh im Juni | Coupledays
  • Ein toller Bericht, Jana, und definitiv die Art von Tipps für kleine Läden, Cafés und Co, die ich vor einer Reise gerne zusammen suche. Jetzt weiß ich also, wo ich nochmal nachlese, bevor’s das nächste Mal (hoffentlich bald) nach Amsterdam geht! 🙂

  • Vielen Dank für den netten Bericht. da habe ich richtig Lust bekommen, mir auch einmal Amsterdam anzusehen. Allerdings nciht mit dem FAhrrad, das traue ich mir dann doch nicht zu.

  • Vielen Dank für die vielenTipps! Ich war am Wochenende spontan in Amsterdam und dein Artikel war eine tolle Inspiration für mich 🙂

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