Auf der gefährlichsten Straße der Welt…

Coroico

Vorsichtig nippe ich an dem kleinen Plastikfläschchen, dass mir unser Guide Eddy in die Hand gedrückt hat. Der billige Fusel schmeckt scheußlich, aber Ritual ist Ritual. Zuvor gab es noch einige Tropfen auf die Bremsen (damit sie auch schön funktionieren) und einen guten Schluck für Pachamama, die Mutter Erde, damit sie uns gut gestimmt ist. Schließlich braucht man alles an Unterstützung, die man kriegen kann, wenn man sich gleich auf die Death Road, die gefährlichste Straße der Welt begibt. Und zwar mit dem Fahrrad.

Die – einst wohl bemerkt – gefährlichste Straße der Welt heißt eigentlich Yungas Straße verbindet seit den 30er Jahren den Amazonas-Regenwald im Norden Boliviens mit dem Regierungssitz und Wirtschaftzentrum La Paz. Rund 200-300 Menschen sollen bis 2007 jedes Jahr auf der Straße ihr Leben lassen haben, was ihr den Beinamen „Camino de la muerte“ einbrachte. Eine neue, breitere und asphaltierte Umgehungsstraße sorgt seit 2006 für Entwarnung. Heute sind die Zeiten der Kraftfahrzeugskollonnen Geschichte und die Natur erobert sich die Straße Stück für Stück zurück. Nur ein paar Mal im Jahr muss der Verkehr noch über die alte Straße rollen. Dann, wenn die neue Straße mal wieder auf Grund eines Erdrutsches unpassierbar ist.

Megadownhill auf der Death Road

Was die Death Road nun für Fahrradfahrer so reizvoll macht? Tja, die einen Suchen den gewissen Kick, die anderen wollen die einzigartige Landschaft der Yungas genießen. Oder eben beides. Schließlich führt die Straße in einer endlos langen Abfahrt vom La-Cumbre-Pass auf 4.650 Metern bis hinab nach Yolosa auf 1.200 Metern und damit vom hochgebirigigen Altiplano bis tief hinein in den feuchtwarmen Regenwald. So erlebt man quasi auf 50 Kilometern downhill fast alle Klimazonen, die der Südamerikanische Kontinent so zu bieten hat.

Soviel zur Theorie und dem Grund, warum ich mich plötzlich auf einem für mich total ungewohnten Mountainbike auf knapp 5.000 Metern wieder finde und mit Pachamama auf mein Leben anstoße. Für Zweifel ist es nun zu spät, denn jetzt geht es los. Natürlich nicht gleich auf der Death Road, sondern zunächst auf der asphaltierten Straße. „Um ein Gefühl für das Fahrrad zu bekommen“, meint Eddy. Und das ist auch bitter nötig. Denn während ich mir noch Sorgen gemacht habe, dass mir als Rennradfahrer die Mountainbike-Erfahrung fehlt, saßen andere aus der Gruppe ganz sicher ein paar Jahre nicht mehr auf irgendeinem Fahrrad. Bei Fragen wie „Wie schalte ich nochmal einen Gang hoch?“ mache ich mir nun tatsächlich Sorgen, dass wir ALLE heil unten ankommen werden. Eddy dagegen ist total cool. Noch nie in seiner 10-jährigen Death Road Geschichte habe es einen schlimmen Unfall gegeben – und das solle gefälligst so bleiben. Und so lautet die erste Death Road Regel: „Sei kein Idiot!“, dicht gefolgt von „Mach keine Selfies!“, denn dabei ist eine Japanerin vor ein paar Jahren ums Leben gekommen.

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Die Straße ist mein Revier und auch das Mountainbike, dass sich im Gegensatz zum Rennrad nur mit Hilfe des kleinen Fingers bremsen lässt, gibt mir unerwartete Sicherheit. Ein Hoch auf die Scheibenbremsen! Und so genieße ich die unbeschwerte Anfahrt, lasse die Sonne auf mein Gesicht scheinen, sehe den Wolken zu, wie sie über die schroffen Bergspitzen ziehen…und komme trotzdem als eine der ersten am nächsten Stopp an. Dass ich auch die kleine Schotterteststrecke ohne Probleme meistere, gibt mir Sicherheit und die Hoffnung, dass ich den Tag werde nicht nur überleben, sonder auch tatsächlich genießen können.

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Jetzt wird es ernst!

Nach der ersten Testphase wird es jetzt ernst. Für ein kurzes Bergaufstück geht es erst einmal zurück in den Bus, der schon auf den ersten Metern der Yungas Straße vom Nebel förmlich verschluckt wird. Von einem Moment auf den anderen sind Sonne und der blaue Himmel verschwunden und wir finden uns in einer grünen Nebelhölle wieder. Den Yungas.

Noch einmal gibt es ein kurzes Briefing, bis es dann endlich richtig losgeht. Denn neben der Idioten- und Selfie-Regel gibt es noch ein paar andere Grundregeln, die es zu beachten gilt. Beispielsweise schreibt eine lokale Verkehrsregel – abweichend vom bolivianischen Rechtsverkehr – Linksverkehr vor, damit die links sitzenden Fahrer bei einer Fahrzeugbegegnung den Fahrbahnrand besser einsehen können. Was früher überlebenswichtig war, gilt auch heute noch – was allerdings bedeutet, dass man mit dem Fahrrad eigentlich permanent am Abgrund fährt und das obwohl ja wegen der neuen Straße mit so gut wie keinem Gegenverkehr zu rechnen ist. Aber sicher ist sicher.

Dann rollt die Gruppe los.

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Überall ist Wasser. Wasser von oben, Wasser von unten, Wasser aus dem Nebel und Wasser von der Seite. Schon nach wenigen Metern sehe ich aus als hätte ich mich im Schlamm gewühlt. Ungelogen. Damit ich mich auf das Fahren konzentrieren kann, halte ich alle paar Meter an der Seite an, schaue mich um und sauge die grüne Regenwald-Landschaft in mich auf. Sie ist sogar noch schöner, als ich es mir je erträumt hatte. Aber das beste: das Mountainbiken macht richtig Spaß! Es macht Spaß, durch die zahlreichen Wasserfälle zu fahren. Es macht Spaß, wenn der Schlamm bis an den Rücken spritzt. Und es macht Spaß die Geschwindigkeit zu spüren, die sich angesichts des vorbeirauschenden Abgrunds und des holperigen Untergrunds deutlich schneller anfühlt. Ich fahre wie in einem Glücks- und Adrenalinrausch.

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Immer wieder halten wir an und warten, bis auch der letzte der Gruppe Anschluss gefunden hat. Als ich neben Eddy zum Stoppen komme, guckt er mich mir großen Augen an. „Du bist ja erste!“ Ich hatte garnicht bemerkt, dass ich wohl an allen anderen vorbeigefahren bin. Ich lache heimlich in mich hinein. Heute morgen noch auf der Fahrt zum Startpunkt meinte er noch ganz macholike „Heute sind viele Mädels dabei, wir brauchen heute sicher länger“, nur um jetzt festzustellen, dass die erste seiner Gruppe – ja oh Wunder – eine Frau ist. Tja so unterschiedlich wie man immer denkt sind Mountainbike und Rennrad doch eben nicht. Und das beste daran: Ich habe alle Zeit der Welt in Ruhe Fotos zu machen und die Landschaft zu genießen, bis alle anderen eingetrudelt sind.

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Je tiefer wir kommen, desto wärmer wird es und irgendwann verzieht sich auch der Nebel und gibt die Sicht auf Sonne und blauen Himmel frei. Ganz unbemerkt ist auch die „Straße“ breiter geworden und so fahren wir gemütlich unserem Ziel, dem Dorf Yolosa entgegen. Das ist auch gut so. Denn bei dem ganzen Adrenalin und der vollen Konzentration merkt man gar nicht, wie anstrengend das Ganze ist. Da sage noch mal einer Downhill sei was für Faule.

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Kurz vor dem Dorf gilt es noch einmal alle Kraftreserven zu mobilisieren. Denn es gilt zwei Flüsse zu überqueren. Wer es nicht schafft, muss 20 Liegestützen machen – so Eddy. Wer es nicht schafft, ist klitschnass – denke ich. Obwohl das eigentlich auch keinen Unterschied mehr machen würde. Irgendwann habe ich einfach aufgehört mir den Schlamm aus dem Gesicht zu wischen – er ist nach ein paar Metern eh sofort wieder da.

Schließlich erreichen wir nach guten drei Stunden downhill unser Ziel, ein kleines Restaurant direkt am Fluss. Jetzt zahlt es sich aus, den Bikini mitgenommen zu haben, denn noch bevor es zusammen mit der Gruppe Essen gibt, springe ich noch einmal eine runde in den erfrischenden Fluss. Zum Essen findet sich auch ein weiterer Gast ein, der aus der nahe gelegenen Tierauffangstation ausgebüchst ist: ein großer blauer Ara leistet uns Gesellschaft in der Hoffnung ein paar Brotkrumen abzubekommen.

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Wie gefährlich ist die Death Road nun wirklich?

Ja, die Yungas-Straße ist gefährlich. Zumindest wenn man mit einem dicken Truck unterwegs ist und einem anderen dicken Truck begegnet. Aber eben nicht mit dem Fahrrad. Es sei denn die Bremsen funktionieren nicht, man ist leichtsinnig und/oder betrunken oder ein totaler Fahrradanfänger. Solche Gruppenmitglieder werden allerdings – wenn sie nicht freiwillig gehen – direkt in den Bus gesetzt, der uns während der ganzen Tour in einigem Abstand begleitet hat. Klar die Abgründe sind steil und die Aussichten grandios – aber das ist ja schließlich auch der Grund, warum man die Tour erst macht.

Ein erfahrener Mountainbiker muss man für die Death Road allerdings nicht sein, denn an sich ist die Strecke verglichen mit anderen Downhillstrecken ein Kinderspiel. Trotzdem ist volle Konzentration natürlich das A und O. Wer also nicht unter Höhenangst leidet und Bock auf eine Biketour der besonderen Art hat, der braucht sich nicht zu fürchten.

Süßes Nichtstun in Coroico

Nach den kalten Tagen bei rund 12 Grad in La Paz ist die Wärme in den Yungas eine Wohltat. Mein Tipp: Warum gleich zurück ins kühle, ungemütliche La Laz fahren, wenn sich auch ein paar Tage in den schönen Yungas aufhalten kann. Das postkartenhübsche Dorf Coroico liegt ein Stück weiter entlang der Death Road wie ein Adlerhost mitten in der Grünen Hölle. Es gibt in der Gegend viele tolle Wanderwege oder man macht liegt einfach mal in der Hängematte und tut – genau – NICHTS! Besonders schön kann man das übrigens in dem üppigen Garten der Villa Bonita, die von einer schweizer-bolivianischen Familie geführt wird. Auf eigene Faust dorthin und zurück zu kommen ist kein Problem: Von Yolosa fährt ein öffentlicher Minibus regelmäßig für nur rund 2-3 Euro nach Coroico und zurück von La Paz geht es von dort ebenso unproblematisch mit selbigen, der direkt am Hauptplatz des kleinen Ortes abfährt.

Am besten einfach schon bei der Buchung der Tour Bescheid sagen, dass man in Coroico bleiben möchte, dann kümmern sich die Guides darum, dass man zur rechten Zeit am rechten Ort ist – jedenfalls war das bei Barracuda so.

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Apropos Anbieter: Wir waren mit Barracuda Biking unterwegs, der auch als bester „Budgetanbieter“ gilt. Wir waren super zufrieden und haben den Anbieter auch allen anderen Reisenden empfohlen, die wir getroffen haben. Der einzige Unterschied (neben dem Preis, der mit 500 Bolivianos/75 Euro etwa ein Viertel günstiger ist) zu den teuren Anbieter sind wohl die Native speaking Guides und die umfangreiche Werkstadt (was allerdings nicht heißt, dass die Fahrräder bei den anderen Anbietern nicht gewartet werden!!!). Ansonsten zahlt man wohl vor allem den Namen. Zumindest haben mir das auch andere „Death Road Surviver“ so bestätigt. Vorsicht gilt auf jeden Fall bei allen Angeboten unter 450 Bolivianos (rund 70 Euro), denn da spart man meist an den Fahrrädern und den Guides – und das muss wirklich nicht sein.

Weitere Infos und Buchungsmöglichkeiten gibt es auf barracudabiking.com.

Vielen Dank an Barracuda Biking für die spontane Einladung auf die Tour. Meine Meinung ist und bleibt davon natürlich unbeeinflusst, schließlich wären wir so oder so mit ihnen gefahren.

8 Kommentare

  • Jakob sagt:

    Hui, da werden Erinnerungen wach. Die Tour damals war echt spitze! In Coroico bleiben ist wohl eine gute Idee, ich bin damals gleich wieder nach La Paz zurück.

    Aja, was sich in 4 Jahren alles tut 🙂 2011 gabs noch keine Selfie-Regel, hehe.

    Liebe Grüße,
    Jakob

  • Woooow, das sieht unglaublich aus!! 🙂
    Grüße, Christina

  • Oli sagt:

    Hallo Jana,

    toller Bericht. Die Strasse habe ich leider bei meiner grossen Südamerika-Rundreise vor etwa 15 Jahren verpasst. „Leider“ auch deswegen, weil es damals wohl doch recht anders gewesen sein muss als heute.

    Interessant finde ich übrigens auch, wie viele „gefährlichste Strassen der Welt“ es gibt. Ich war selber gerade vor einigen Wochen auf einer in China. (Falls dich der Vergleich interessiert, findest du den Link dazu unter meinem Namen) Und genauso wie ihre Kollegin in Lateinamerika hat auch die chinesische Strasse ihre Gefährlichkeit nur noch aus Marketinggründen behalten.

    Machs gut,
    Oli

  • Julia sagt:

    Wow, traumhaft schöne Bilder und eine tolle Geschichte.
    Dein Bericht macht richtig Lust auf eine Biketour und kommt
    sofort auf meine Bucket List.
    Vielen Dank und alles Liebe,
    Julia

  • Spannende Sache und tolle Landschaft! Und Danke für Deine Einschätzung, ich dachte schon, dass sich da vielleicht nur „wildgewordene“ Radfahrer die Straße hinunterstürzen. So wie es aussieht darf man sich das auch als „normaler“ Radfahrer trauen. 🙂

  • Jessi sagt:

    Wahhhhhhh, wie cool ist das denn? Da wäre eine Actioncam am Lenker klasse gewesen, was?

    Das ist ja noch verrückter als meine Cavebikingtour. 🙂

    Liebe Grüße
    Jessi

  • Izabela sagt:

    Hallo Jana,

    für diese Ausblicke und die Natur lohnt sich das strampeln ja! Unglaublich tolle Fotos, die du uns präsentierst. Und auch der Text hat mir richtig Lust drauf gemacht, diese Strecke bzw. die Tour einmal zu machen. Ich finde es gut, dass es diesen Bus gibt, der einen begleitet. Denn viele unterschätzen sich und haben somit noch einmal die Chance, sicher ans Ziel zu kommen.

    Liebe Grüße,
    Iza

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