Ein Streetart-Streifzug durch Buenos Aires

Buenos Aires

Man sagt ja gerne: die Atmosphäre einer Stadt schlägt sich auf ihren Wänden nieder. Daher lohnt es sich, mal von den üblichen Pfaden abzuweichen und auch mal unbekanntere Ecken der Stadt zu erkunden, die in keinem Reiseführer stehen. Um die schönste Streetart der Stadt zu finden, braucht es einiges an Recherche oder einen Insider, der die Szene kennt und einem auch noch viele Hintergrundinfos zu den einzelnen Kunstwerken verraten kann. Sofia und Matt sind solche Insider und mit ihnen war ich auf einem Streetart-Streifzug durch die untouristischen Wohnviertel Coghlan und Villa Urquiza. Ich habe zwei der größten Murals bestaunt und gelernt, was die Szene in Buenos Aires von allen anderen mir bekannten Städten unterscheidet.

Buenos Aires gilt als DIE Kunstmetropole Südamerikas und das findet sich sich auch an den Wänden nieder. In jedem Stadtteil haben sich unterschiedliche Künstler aus aller Welt verewigt. Was sofort ins Auge fällt: anders als in anderen Streetart-Metropolen wie Berlin oder Athen, sieht man in Buenos Aires selten Wände, an denen schöne Murals mit unschönen Graffiti übermalt wurden. Ohne, dass ich die Frage überhaupt ausgesprochen habe, liefert mir Sofia die Antwort – übrigens ein Grund, warum sich die Szene so von anderen unterscheidet: Denn die Streetartbewegung in Buenos Aires ist im Gegensatz zu anderen Städten in Amerika oder Europa noch sehr jung. Der Grund ist die militärische Diktatur die in Argentinien noch bis 83 herrschte und die sämtliche Straßenkunst im Keim erstickte.

Als hier in Buenos Aires also die ersten zarten Streetart-Versuche begannen, war die Szene in Berlin, London und San Francisco bereits seit mehreren Jahren im Gange. Logisch, dass ihnen bei so viel Vorsprung heute ein bisschen die „Wände“ ausgehen, was zu eben diesen unschönen Übermalungen führt. In Buenos Aires dagegen hat man Respekt vor der Kunst. Hier gilt: Streetart „darf“ nur übermalt werden, wenn man darüber etwas schöneres schafft.

Streetart im Wohnviertel: Coghlan

Unsere Tour beginnt in Coghlan, einem Viertel von dem ich vorher noch absolut nichts gehört hatte. Normalerweise findet man die beste Streetart meist in den einfachsten Stadtvierteln. Entsprechend überrascht war ich, als wir durch ein schickes Stadtviertel mit kleinen Häusern und viel Grün schlendern. Coghlan ist ein Viertel der oberen Mittelschicht und die Streetart-Bewegung ist noch sehr neu. Fast alle Kunstwerke entstanden im Laufe des letzten Jahres.

Warum? Wände zu bemalen ist in Buenos Aires nicht verboten. Man benötigt nur die Einwilligung des entsprechenden Hausbesitzers. Und selbst wenn man die nicht hat, wird der Sache polizeilich nicht nachgegangen. Einig das Bemalen von Zügen ist auch hier verboten – doch selbst hier sind die Strafen nicht wirklich hoch. So kommt es, dass sich die Streetart in Buenos Aires seit den 80er Jahren explosionsartig ausbreitet. Und nicht selten wacht ein Hauseigentümer am nächsten Tag auf und findet seine Hauswand bemalt vor. Um so etwas zu umgehen, gibt es besonders in Coghlan immer mehr Eigentümer, die sich gezielt einen Streetartkünstler aussuchen, damit er ihre Wand bemalt – beim Motiv seiner Wahl gegen Bezahlung versteht sich.

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So wie diese Hauswand, die vom Artist Ice mit einem Rhino verziert wurde.

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Oder diese Hauswand auf der sich Primo verewigt hat. Er ist bekannt für seine meist realistischen Abbildungen von afroamerikanischen Gesichtern, weil diese in der Stadt insgesamt so selten sind.

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Die Vögel auf dieser Hauswand waren kein Wunschobjekt der Besitzerfamilie, die eigentlich dort Pferde haben wollten. Da sie den Künstler nicht bezahlen konnten, gab es eben Vögel – und heute sind sie sehr glücklich damit.

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Dieses Abschleppunternehmen hat heute einen halben Zoo auf ihrer Hauswand. Die Papageien und die Giraffe stammen von einer weiblichen Streetartistin, die es immernoch sehr selten gibt.

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Eher rar in Buenos Aires: Pastups – vor allem weil sie der Witterung (viel Sonne und starker Regen) schnell zum Opfer fallen

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Der Besitzer dieses Architekturbüros hat ein besonders schönes Kunstwerk auf seine Fassade bekommen. Der Künstler Magee ist bekannt für seine verlaufenen Farbeffekte. Dem Architekten hat die Fassade so gut gefallen, dass sich Magee auch im Inneren des Gebäudes verewigen durfte.

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Einer wahren Galerie gleicht diese Wand eines Schulgebäudes – tatsächlich eines der wenigen illegalen Kunstwerke – aber dafür wunderschön von verschiedenen Künstlern aus aller Welt gestaltet. Illegal daher, da zum Zeitpunkt seiner Entstehung gerade Sommerferien waren – und so niemand eine offizielle Erlaubnis geben konnte.

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Villa Urquiza und das älteste und größte Mural der Stadt

Dann geht es weiter nach Villa Urquisa, einem weiteren eher gehobenen Stadtviertel in dem man eines der ältesten und eines der größten Murals der ganzen Stadt bewundern kann. Das Viertel setzt sich überwiegend aus alten Häusern und Mehrfamilienhäusern  zusammen. Ruhige Seitenstraßen wechseln sich mit lebendigen Hauptstraßen ab. Es gibt auch mehrere Parks.

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Heute von einer solchen Grünfäche umgeben, damals noch an einer Baustelle findet man das wohl älteste noch erhaltene Murals von Buenos Aires vom weltbekannten Artist Blu, der auch in Europa sehr aktiv war und ist. Sein gigantisches Kunstwerk in Buenos Aires hat er ganz alleine erschaffen und zu einer Zeit, in der sein Name in der Szene noch weitestgehenst unbekannt war. Heute wird er viel gefeiert und so auch seine Hinterlassenschaft in Buenos Aires. Was genau er mit seinem Werk aussagen will, ist nicht klar. Es zeigt einen liegenden Mann mit großem Kopf der sich sich mit der einen Hand an den Bauch fasst und in der anderen Hand eine Tablette hält. In seinem Inneren befinden sich die Innengrundrisse von Wohnungen, in denen sich kleine Männchen wie Ameisen tummeln. Wahnsinnig beeindruckend – auch wenn die Farbe inzwischen schon ziemlich verblasst ist.

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Gleich nebenan wartet schon ein weiteres Streetart-Juwel des Künstlers Martin Ron aus dem Jahr 2013. Es ist eines der größten Murals der ganzen Stadt und zieht sich über mehrere Häuserfassaden. Mehr zu seiner Entstehung könnt ihr in einem Video erfahren.

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Von Villa Urquiza geht es schließlich mit dem Zug nach Palermo. Die Wartezeit auf die nächste Bahn überbrücken wir mit einem Blick auf seine Hinterseite. Denn hier hat sich auch eine kleine Streetart Galerie angesammelt. Wir erkennen auch einige mittlerweile bekannte „Handschriften“ wieder.

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Palermo Hollywood

In der stylischen NYC Bar in hippen Palermo Hollywood endet unser kleines urbanes Abenteuer – natürlich mit einem riesigen Streetart-Kunstwerk an der Wand. Sophia gibt uns noch ein paar Tipps für weitere coole Murals in Palermo, denen wir später noch einmal einen Besuch abstatten.

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In den nächsten Tagen in Buenos Aires ist mein Blick geschärft und ich nehme immer mehr tolle Straßenkunst war, an denen viele nur achtlos vorbeilaufen. Besonders die Wände von Palermo und dem meist nur für seinen berühmten Markt und den Tango bekannten Stadtviertel in San Telmo (in dem ich übrigens derzeit wohne) sprühen nur so vor künstlerischer Energie – genauso eben wie ihre Bewohner.

Infos und Tipps

Wer auch mal mit Sophia und Matt ein urbanes Abenteuer erleben möchte, der kann sich wie ich einer ihrer Touren anschließen. Sie starten Dienstags, Donnerstags, Freitags und Samstags jeweils um 15:10 Uhr im Café Via Lacroze  (Av Federico Lacroze 2801) im Stadtteil Colegiales. Von dort geht es dann gemeinsam mit dem Zug in die genannten Stadtviertel. Kostenpunkt: 20 US-Dollar. Mehr Infos gibts auf buenosairesstreetart.com.

Vielen Dank an Matt und Sofia für die Einladung auf die Tour und die tolle Einführung in die Streetartszene von Buenos Aires!

10 Kommentare

  • Wow – das ist richtig tolle Kunst! Ich mag solche Street Art sehr gerne und freue mich immer rieisg, wenn ich so etwas Tolles entdecke – das ist manchmal wie die Schatzsuche 🙂

  • Karina sagt:

    Liebe Jana,
    vielen Dank für diesen tollen Artikel und die wunderschönen Fotos.
    Ich finde es immer wieder beeindruckend zu sehen, was die verschiedenen Künstler an die Wände zaubern. Und so durchgehend schöne Street Art ist wirklich selten.
    Liebe Grüße,
    Karina

  • Mandy sagt:

    Liebe Jana,

    ein wunderbarer Einblick in die Street Art Kultur der Stadt! Und ich meine, dass Du ganz Recht hast mit „die Atmosphäre einer Stadt schlägt sich auf ihren Wänden nieder“. Das zeigt mir immer wie lebendig und offen eine Stadt ist. Besonders interessant ist Euch auch, dass man in Buenos Aires eben halbwegs legal sprühen kann.
    Ich schau dann mal, wann eine Reise gen Süden in meinen Planungen passt! 😉

    Beste Grüße
    Mandy

  • Philipp sagt:

    Ich hab auch mal ein paar Monate in BsAs gelebt, aber das ist mir nicht aufgefallen. Kommen aber trotzdem schöne Erinnerungen hoch!

  • Anke sagt:

    Liebe Jana,
    wunderbare Einblicke in die Seele von Buenos Aires. Ich liebe Street Art. Gerade war ich wieder in Reykjavik unterwegs und bin beeindruckt bei jedem Besuch neue toll gestaltete Fassaden zu entdecken! Ich wünsche dir weiterhin eine beeindruckende Reise mit zahlreichen einzigartigen Momente! Ich bin gespannt wieder von dir zu lesen!
    Liebe Grüße
    Anke

  • Izabela sagt:

    WOW! Mehr fällt mir dazu wirklich nicht ein. Zunächst wollte ich schreiben, dass der kleine Junge im Gras mit am Meisten gefällt, aber dann folgten noch so viele andere, tolle Kunstwerke, dass ich mich nicht entscheiden kann. Tolle Impressionen! 🙂

    Liebe Grüße, Iza 🙂
    http://unsettled-destination.de

  • Melanie sagt:

    Liebe Jana,

    ganz tolle Bilder! Ich finde das Titelfoto absolut genial… Und das mit dem Hund! 🙂
    Wusste gar nicht, dass Buenos Aires so tolle Streetart hat.

    Liebe Grüße,
    Melanie

  • Hendrik sagt:

    Wahnsinns-Bilder!
    Ich gehe eigentlich in jeder Stadt, die ich bereise, auf Street-Art-Schatzsuche, aber bin noch nie drauf gekommen mal zu ergooglen, ob’s dafür auch Touren gibt.
    Super Kollektion und cooler Blog!
    Gruß Hendrik

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