Auf versteckten Pfaden: Eine Street Art Tour durch Berlin

Radfahren Mallorca

Angestrengt versuche ich die Augen zuzuneifen und fühle mich dabei zurückversetzt in die Zeit meiner Führerscheinprüfung, wo ich noch dachte ich könne selbigen sicher auch ohne Sehhilfe schaffen. „Ähhh vielleicht ein R?“, versuche ich die Buchstaben zu entziffern, doch es will mir einfach nicht gelingen. Nein, diesmal sitze nicht beim Augenarzt sondern bin mit dem Berliner Street Art-Experten David unterwegs, der mir in den nächsten Stunden die Street Art-Szene Berlins zeigt. In der praktischen Prüfung „Graffiti lesen“ bin ich wohl schon mal durchgefallen.

CBS – Berlins Alte Graffiti-Schule

Was ich als R erkannte, entpuppte sich leider nur als schörkelige Verzierung, wie mir David erklärt. An der Wand vor uns befindet sich quasi die Mona Lisa der Street Art Szene Berlins, ein fast 30 Jahre altes Graffiti der Gruppe CBS, die schon quasi die Alten Römer unter den Berliner Street Art Künstlern darstellen. David erklärt mir, dass so ein altes Graffiti wirklich selten ist – denn meist fällt es ziemlich schnell der Witterung oder den Straßenreinigungskräften zum Opfer. Diese hier wurde lange Jahre lang durch einen Schuppen geschützt und ist erst nach dessen Abriss zu Tage getreten. Andächtig wie vor einem Leonardo Da Vinci stehen wir in dem heruntergekommenen Hinterhof im Stadtteil Mitte.

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Die zwischen 1995 und 2005 aktive Gruppe CBS kennt der normale Berliner aber vor allem auf Grund ihres Markenzeichens: Die gelbe Fäuste als ein Zeichen für Rebellion und Anarchie, sind überall in der Stadt zu finden, auch an Orten, an denen man sie niemals vermuten würde – wie zum Beispiel an der Fassade des Zalando Outlet Stores in Kreuzberg.

Thomas Baumgarten verteilt Bananen

„Siehst du die gelbe Banane dort?“ David weißt in Richtung einer schicken Galerie. Der ebenfalls fast schon historische Künstler ist Thomas Baumgarten, der überall in der Stadt gelbe Bananen verteilt. Auch wenn es auf den ersten Blick willkürlich wirkt, Baumgarten verteilt seine Bananen nach System. Denn für ihn ist die Banane was die Kochmützen des Gault Milleu für die Köche ist: nämlich eine Auszeichnung für Galerien und Kunsthotspots. Und so kommt es vor, dass die gelbe Banane selbst die gepflegtesten Hauswände ziert – schließlich ist es eine Auszeichnung, und die Kunstinsider kennen ihre Bedeutung.

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JRs Falten der Stadt

Von gelben Bananen zu faltigen Gesichtern: Nur ein paar Straßen weiter begegnet uns der französische Street-Art-Künstler JR, der im April im Rahmen seiner Aktion „The Wrinkels of the City“ riesige Nahaufnahmen älterer Menschen auf Berliner Brandwänden angebracht. Leider sind diese Pastings sehr kurzlebig und größtenteils schon der Witterung zum Oper gefallen. Ein paar Überreste der Aktion kann man in Mitte jedoch noch finden. Für JR ist die Straße die größte Galerie der Welt. Seine überdimensional großen Schwarz-Weiße-Fotografien platziert er weltweit als monumentale Plakate an Häuserwänden, Treppen und Mauern.

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Berlin tanzt: COBR vs SP38

Besonders begeistert haben mich die tanzenden Figuren von COBR, einem Street Art-Künstler über den oder die bisher noch nicht wirklich viel bekannt ist. Fest steht, dass er die ganze Stadt ein ein einziges Meer aus tanzenden Frauen verwandelt – hier im Duell mit den großen roten Plakat-Buchstaben von SP38.

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Shoot me up: Aaron Rose

„Dieses hier ist etwas ganz besonderes!“ Wir stehen vor einem Kunstwerk von Aaron Rose, der bunte Figuren auf Zielscheiben druckt. Unter dem Namen „Shoot me up“ hatte Rose in Berlin eine richtige Ausstellung bestückt. Der talentierte Amerikaner ist bekannt als einer der Vorreiter der Modern Urban Art Bewegung, war zehn Jahre lang als Inhaber und Direktor der Alleged Gallery in New York tätig. Er ist aber nicht nur Künstler, sondern auch Filmemacher und Kurator, ein echtes Multitalent also.

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Alias

Auch der Künstler Alias begegnet uns auf unserem Weg durch Berlin Kreuzberg, Friedrichshain und Mitte immer wieder. Alias arbeitet ausschließlich mit Schablonen. Seine Werke sind auf den Straßen in Form einer Paste Ups, Ausschnitte oder direkt an Wände gesprüht und tragen allesamt sein Namen. Das finde ich praktisch, denn so erkenne ich seine Werke schon von Weitem als seine. Mit der Plazierung seiner Past Ups spielt Alias mit der Umgebung und sucht sich die Orte sorgsam aus.

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El Bocho – der bekannteste Street Art-Künstler Berlins

El Bocho ist wohl einer von Berlins bekanntesten Straßenkünstlern. Der Spanier arbeitete ursprünglich als Illustrator und Typograph und auch heute noch findet man seine Arbeiten in Zeitungen wie der Frankfurter Allgemeine. Der Name El Bocho ist mexikanisch und bedeutet „kleiner Esel“. El Bocho begann auf der Straße wie viele Straßenkünstler, als Graffiti- Writer.

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„Kennst du Little Lucy?“ fragt mich David, als ich ihm fast schon stolz erzähle, dass mir der Name El Bocho l bereits ein Begriff ist. Litte Lucy kenne ich noch nicht, aber der Künstler ist mir bei meinem letzten Besuch bereits über den Weg gelaufen. Little Lucy ist eine Fernsehserie aus der Tschechoslowakei , die in den 70er Jahren unter dem Titel „Fear of the Streets little Lucy “ im Fernsehn lief. El Bocho inspirierte der Charakter, fand die kleine Lucy in der Serie aber langweilig. So beschloss er, sie ein wenig interessanter zu machen, indem er sie auf seinen Pastups ihre Katze auf die vielfältigsten Möglichkeiten umbringen lässt.

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1UP

Wir fahren ein paar Stationen mit der S-Bahn nach Kreuzberg. An der S-Bahn-Haltestelle zeigt mir David noch ein Graffiti, was zwar nicht künstlerisch wertvoll, die dazugehörige Gruppe aber in der Berliner Street Art-Szene nicht mehr wegzudenken ist. Die Rede ist von 1UP, einer großen Graffiticrew, die vor allem durch größere Aktionen wie Wholetrains (Besprühung von kompletten S-Bahn-Zügen) auf sich aufmerksam gemacht hat. Fast überall in der Stadt kann man die großen Buchstaben sehen, die meist in dicken Lettern mit silberner Farbe auf die Wand gebracht wurden. David erklärt mir, dass die Sprayer für so ein „Kunstwerk“ etwa zwei bis drei Minuten Zeit haben. Das ganze läuft in einer vorgegebenen Choreographie ab. Jeder kennt seine Aufgabe. Und auch wenn das Ergebnis nicht sonderlich schön ist – es fällt auf, und genau das ist es, was die Graffiti-Künstler bewirken wollen. Sie wollen ihren eigenen Namen verewigen – und das möglichst oft und überall – auch auf Lieferwagen.

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Alaniz und die alte Eisfabrik

In Kreuzberg führt unser Weg zunächst zur alten Eisfabrik. Das Gebäude der stillgelegten Fabrik steht heute unter Denkmalschutz und ist eine Spielwiese für Street Art-Künstler. Fast keine Wand bleibt hier unbemalt. Das alte Gebäude wirkt schon fast gespenstisch. Nach drinnen gehen wir jedoch nicht, denn dort hat sich eine Gruppe Sinti und Roma niedergelassen und die mögen es garnicht, wenn man mit der Kamera bewaffnet in ihr Reich eindringt.

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Hinter der Fabrik findet man an der frisch geweißten Fassade eines Wohnhauses einen riesigen Engel. Dieses Mural ist von dem argentinischen Künstler Alaniz, der in der Berliner Szene noch recht neu ist. Den Engel hat er in Wischtechnik auf die Wand aufgebracht – so sieht es fast wie gemalt aus. Ich bin fasziniert.

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Berlin Kidz (ÜF-Crew)

Neben 1UP gibt es noch eine weitere Street Art-Crew, die in Berlin für Aufsehen sorgt: die ÜF, Überfreaks. Eins ihrer bekanntesten Berliner Werke finden wir unweit von der alten Fabrik in einem Hinterhof. Die bunten Schriftzeichen orientieren sich ein Stück weit an brasilianischen Street Art-Künstlern und wurden komplett durch Abseilen an die Wand gebracht. Wie dieses Graffiti entstanden ist, kann man übrigens im Trailer zum Film „Berlin Kidz“ sehen.

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BLU

Das ich mich einmal auf einen Lidl-Parkplatz in Kreuzberg stellen und andächtig auf die Wand gegenüber starren würde, hätte ich auch nicht gedacht. Doch genau das tun wir jetzt. Hinter einkaufenden Muttis und rollenden Einkaufswagen befindet sich nämlich eins der bekanntesten Werke des Künstlers Blue. Das Mural zeigt die Berliner Mauer, die plötzlich zu fallen beginnt und auf der anderen Seite durch Geldscheine wieder „aufgebaut wird“. Diese Kritik an dem Bau des Mediaspree-Bezirks, mit dem auch die Verschiebung der East Side Gallery einhergeht, hat hier den perfekten Standort gefunden. Denn das mehrere Meter hohe Mural sieht man auch noch vom anderen Spreeufer, wo demnächst die Berliner Superreichen teure Wohnungen beziehen werden. Was für ein Zufall – denn Blue brachte das Wandgemälde lange vor den Bauplänen an.

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Noch bekannter sind jedoch zwei andere Murals von Blue in der Cuvrystraße: Die haushohen Graffitis zeigen zum einen zwei Figuren mit Atemmaske, die sich selbige gegenseitig vom Kopf ziehen und zum anderen einen Mann mit Krawatte, der mit seinen zwei Rolex-Uhren gefesselt ist.

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Mit dem Wandgemälde von 2008 möchte der Künstler auf die terminorientierten Konsumgesellschaft aufmerksam machen und hat damit eines der wohl bekanntesten Street Art-Kunswerke Berlins erschaffen. Ich bin auf jeden Fall überwältigt und das nicht nur von dem Wandgemälde, sondern auch von der Fülle an Informationen und Eindrücken die mir David so ganz im Vorbeigehen vermittelt hat. Und bevor noch mehr Informationen aus meinem Gedächtnis sprudeln, zeige ich euch lieber noch ein paar Eindrücke von der Tour.

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Was David selbst an Graffitis begeistert? Er kann sie nicht nur lesen, sondern erkennt auch die Stimmung, in der Künstler – oft sein Freund – war, als er die Buchstaben an die Wand gebracht hat. So erfährt er von neuen Bekanntschaften oder sieht, ob derjenige betrunken war, als er die Spraydose ausgepackt hat. Dieser Funke, diese Begeisterung ist auf jeden Fall auf mich übergeschlagen – auch wenn es mit dem Entziffern der Schriftzeichen noch ein bisschen hapert…

Wer Berlin einmal abseits der Touristenpfade mit David und seinen Freunden erkunden möchte, findet auf The Hidden Path alle Infos und Kontaktmöglichkeiten. Vielen Dank an dich, David, dass du dir so viel Zeit für mich genommen hast und diesen grauen und verregneten Dezembernachmittag mit mir verbracht hast.

PS: Reist du noch oder lebst du schon? Meine Tipps zum Thema Leben statt nur Reisen feat. Berlin

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